Schlechte Aussichten für Limux

Montag, 18. August 2014, 12.29 Uhr

Als die Münchner Stadtverwaltung Ende 2003/Anfang 2004 das Projekt Limux ins Leben rief, bei dem die komplette IT der Stadt mit rund 15.000 Arbeitsplätzen von Windows auf Linux migriert werden sollte, sorgte das für einiges Aufsehen. Dann wurde es einigermaßen still um das ambitionierte Projekt, und nur gele­gent­lich gab es Neuigkeiten über Erfolge und Misserfolge, Probleme und deren Lösungen. Ende 2013 hieß es dann, die Umstellung sei nun erfolgreich abge­schlossen.

Doch inzwischen haben sich die politischen Machtverhältnisse in der Stadt ein wenig verlagert und prompt gibt es Probleme. So meldet die Süddeutsche Zeitung, die Stadt prüfe neuerdings eine Umstellung der Umstellung, also die Rückkehr zu Windows. Als Grund werden die Beschwerden der Mitarbeiter angeführt, die sich anscheinend mit den eingesetzten Programmen schwertun. Obendrein hätte man gar nicht so viel Geld eingespart, wie anfangs erhofft.

Diese Meldung nährt den Verdacht, die Stadt München habe bei der Umstellung ein paar typische Fehler gemacht und sich in zentralen Punkten – Notwendigkeit der Mitarbeiterschulung, Support, Entwicklung eigener Lösungen – ziemlich verschätzt.

Falls diese Meldung stimmen sollte – und ich hoffe sehr, dass es sich einfach nur um ein Störfeuer eines zweiten Bürgermeisters handelt, der auch mal in die Zeitung will –, dann wäre das fatal. Nicht nur für die Stadt München, sondern für das gesamte Projekt Open Source Software in öffentlichen Einrichtungen. Ein Fehlschlag von Limux wäre Wasser auf die Mühlen derer, die schon immer dagegen waren, dass öffentliche IT prinzipiell anders aussieht und anders funktioniert als ihr privater PC.

Dass man jetzt die Kosten als Argument vorschiebt, ist allerdings ebenso dumm wie kurzsichtig. Denn Kosteneinsparungen sind von einem Systemwechsel (ganz gleich, von wo nach wo) erst nach längerer Zeit zu erwarten – wenn überhaupt. Weitaus wichtiger scheint mir hier, dass sich eine öffentliche Einrichtung prinzipiell nicht ohne Not in die Abhängigkeit privatwirtschaftlicher Konzerne begeben darf. Das gilt für Kommunen genauso wie für die Regierung.

Natürlich schwebt auch eine öffentliche Einrichtung nicht im luftleeren Raum und muss immer wieder auf privatwirtschaftliche Entwicklungen zurückgreifen. Aber diese durchaus sinnvolle und wünschenswerte Kooperation sollte nie soweit gehen, dass man von einem einzigen Anbieter abhängig wird – und das ist man, wenn die zentrale Plattform von Microsoft (oder meinetwegen auch Apple) stammt. Es sollte jedem Verantwortlichen erhebliches Unbehagen bereiten, wenn sich eine öffentliche Einrichtung auf das Wohlwollen eines Konzerns verlassen muss, um ihren zentralen Aufgaben nachkommen zu können.

Träumen wir einfach mal ein wenig: Idealerweise sollte eine Regierung ein eigenes OS und eigene Programme entwickeln lassen – von Entwicklern, die nicht irgendwo auf der Welt, sondern im Haus sitzen. Der Quellcode sämtlicher eingesetzter Software sollte offen und für jeden zugänglich sein. So wäre die Regierung nicht nur in einem zentralen Punkt unabhängig, sondern auch vor digitalen Angriffen aller Art weitaus besser gefeit, als dies aktuell der Fall ist. Im Idealfall gäbe es eine eindeutige Trennung von Daten, Präsentation und Steuerung, es gäbe klar definierte Schnittstellen, es gäbe offene Daten­struk­tu­ren und offene Dateiformate, reibungslose Interoperabilität – ach, ich hör’ schon auf.

Vermutlich muss man noch von Glück sagen, wenn die Stadt München die komplette Verwaltung nicht gleich an Arvato verscherbelt.


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Ein Kommentar zu „Schlechte Aussichten für Limux“

Da haben sie wohl gerade die Schulung vernachlässigt. Ich weiß, wie schwer es Nicht-IT’lern fällt, sich an neue Software zu gewöhnen („Der Button ist jetzt wo anders – so kann ich nicht arbeiten“).
Auch die Interoperabilität ist sicher ein Problem – die Welt ist leider noch Microsoft dominiert. Wenn die sich wenigstens an die offenen Standards hielten, würde das schon ganz anders aussehen.

Und die Aussage, dass er auf einen externen Mailserver warten musste ist ja wohl lachhaft, denn _das_ hat nun wirklich nichts mit dem OS zu tun – ganz im Gegenteil, ein Exchange-Server ist sicher komplizierter aufzusetzen als ein Linux mit Postfix etc.

Die Abhängigkeit von Microsoft (oder sonst wem) im öffentlichen Bereich ist überhaupt in großes Manko – und sei es nur für uns Linux- oder Apple-User, die gezwungen sind, für einige Dinge eine Windows VM laufen zu haben, nur weil man gewisse Webseiten halt nur im IE öffnen kann oder man zwingend ein bestimmtes Programm installieren muss – sowas ist extrem rückschrittlich und dummerweise vermutlich wirklich der Hauptgrund, dass der Umstieg auf Opensource oder irgendwas != Windows so schwer fällt.

Das mit dem eigenen OS für Behörden ist ja eine nette Utopie – aber leider wird es ne Utopie bleiben. Denn dafür benötigt man echt gute IT’ler – und die wollen bezahlt werden… ihr versteht…

Ich fände es echt schade, wenn München auf Grund von Politik (nichts anderes ist das – kurz nach dem ein neuen OB seinen Dienst antritt, wird erst mal alles in Frage gestellt, was der Vorgänger gemacht hat), das ambitionierte Projekt kippen sollte.

Und wenn sie es kippen, wer muss die Zeche zahlen? Der Steuerzahler == Wir alle!