Schluss mit lustig

Donnerstag, 6. Dezember 2001, 14.20 Uhr

Microsoft kann man viel vorwerfen, aber eines ganz bestimmt nicht: dass die Softwarefirma den Kontakt zum Kunden schleifen ließe. Es vergeht kaum eine Woche, in der mich der Konzern nicht mit einem Microsoft Security Bulletin über die neuesten Probleme und Löcher in seinen Programmen informiert. Früher betrafen diese Meldungen abgelegene Funktionen, bei denen man sich ohnehin fragte, was dieser seltsame dritte Eintrag von unten im zweiten Menü von rechts überhaupt sollte. Doch seit Microsoft seine Desktop-Strategie „Komfort geht vor Sicherheit“ kurzerhand auf ein so heterogenes, chaotisch und dezentral organisiertes Gebilde wie das Internet übertragen hat, geht es holterdiepolter durcheinander. Da fräsen sich die Fehler kreuz und quer durch die Softwarepalette, lassen bereits den ganz normalen Programmeinsatz unversehens zur tückischen Falle werden, und wer bewährten Verhaltensregeln („Das Öffnen von E-Mails ist harmlos“) vertraut, landet unversehens in der Katastrophe.

Ein paar Beispiele aus den Meldungen der letzten Zeit: Makroviren in Powerpoint („Run macros without warning“), Cookie-Probleme im Internet Explorer („Exposure and altering of data in cookies“) und ein Sicherheitsloch im Media Player („Run code of attacker’s choice“).

In unschuldigeren Zeiten konnte man Netzneulinge mit Schauergeschichten aus dem Internet auf den Arm nehmen, heute bleibt dem Spötter das Lachen im Hals stecken: Es gibt de facto kein digitales Schreckensszenario mehr, das nicht dank Microsoft umgehend Realität werden könnte. Wer wäre schon ernsthaft auf die Idee gekommen, dass schon der einfache Besuch einer Web-Seite es bösen Buben ermöglichen könnte, auf der eigenen Festplatte herumzuschnüffeln, dass das Öffnen einer E-Mail den Rechner infizieren kann oder dass ausgerechnet der Media Player, dessen Aufgabe die Wiedergabe von Film- und Musikclips ist, es Angreifern aus dem Internet erlaubt, maliziöse Programme zu starten?

Zu jedem Loch reicht der Softwareriese hastig einen Flicken nach, zu jedem Flicken gibt’s einen Patch, zu jedem Patch ein Security-Update, jedem Update folgt ein Service-Pack, und das Spiel beginnt von vorn. Über kurz oder lang sieht das System so aus wie die Jacke von Sam Hawkens. Seit Microsoft das Internet entdeckt hat, gibt es keine Fehler mehr im System. Das System ist der Fehler.

Zuerst erschienen in: Die Zeit, 49/2001

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