»Sing Sing Thanksgiving«

Mittwoch, 22. Juni 2005, 11.45 Uhr

Zuerst in: AVDC 6/2005

Am 22. November 1972 gaben The Voices of East Harlem, Joan Baez und B. B. King & Band ein mitreißendes Konzert. Der Mix aus Soul, Folk und Blues wurde durch den Stand-Up-Comedian Jimmy »Dynomite« Walker um bissige Pointen ergänzt. Ort der Veranstaltung: Sing Sing. Publikum: Die Insassen. Der Film »Sing Sing Thanksgiving« dokumentiert das Geschehen.

Der Mann steht im milden Sonnenlicht auf einem Hügel mit Blick über eine Flusslandschaft. Der Fluss ist der Hudson River im Staate New York, im Hintergrund sieht man die Hügelketten der Palisades. Wo sind wir? Im Naturschutzpark der Catscills? Der Mann nennt seinen Namen nicht. Wir sind nicht an einem der berühmten Ausflugsziele am Hudson, wir sind dort, »where a man is only a face. A face with a number«.

Offiziell heißt der Ort »Ossining correctional facility«, doch außer einigen Beamten nennt ihn niemand so. Statt dessen kennt ihn die Welt seit rund 180 Jahren einfach als: »Sing Sing«.

Von all den berühmt-berüchtigten und noch aktiv genutzten Gefängnissen in den USA ist Sing Sing wohl das älteste und berüchtigtste. Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte es sich den Ruf als das härteste und brutalste Gefängnis Amerikas erworben, der Name Sing Sing wurde zum Synonym für Zuchthaus und Gefängnis schlechthin. Er ist es bis heute geblieben.

Gebaut wurde das Gefängnis in den Jahren 1825 bis 1828 am Hudson River, im Staate New York in der Nähe der Stadt Sing Sing (die sich später, um Verwechslungen zu vermeiden, in Ossining umbenannte). Der Name hat nichts mit Gesang und Unterhaltung zu tun, sondern kommt vom indianischen »sint sincks«, was soviel wie »Stein auf Stein« bedeutet. Und Stein auf Stein wurde das Gefängnis auch erbaut – von rund 100 Insassen des New Yorker Auburn-Gefängnisses. Die Bauarbeiten fanden unter den erbärmlichsten Umständen statt, es gab keinen Schutz vor Wind und Wetter, eine nur mangelhafte Ernährung, als Baumaterial dienten die Marmorblöcke, die man vor Ort fand, gebaut wurde an einer Stelle, die wie zum Hohn »Mount Pleasant« hieß.

Ursprünglich sollten das Gefängnis rund 800 Gefangene aufnehmen, durch verschieden Anbauten erweitert, beherbergte es zeitweilig über 2000 Menschen, derzeit sitzen ungefähr 1.500 Männer ein. Im Laufe seiner langen Geschichte wurde Sing Sing zum Hochsicherheitsgefängnis und zur »Todesfabrik« des Staates New York. Am 7. Juli 1897 kam dort Harris A. Smiler als erster Insasse auf den elektrischen Stuhl, seit 1916 wurden alle Hinrichtungen des Staates New York in Sing Sing durchgeführt, die letzte am 15. August 1963. Bis zu diesem Zeitpunkt starben in Sing Sing über 600 Männer und Frauen auf dem elektrischen Stuhl (der heute im Sing Sing Prison Museum den Touristen eine gruslige Unterhaltung bietet). Sing Sing hält damit bis heute den traurigen Rekord als Gefängnis mit den meisten Hinrichtungen in den USA.

Zu den Insassen Sing Sings gehörten Schläger, Bankräuber, Mörder, aber auch zu Unrecht Verurteilte. Hier saßen nicht nur Mafiosi wie Lucky Luciano oder Kindermörder wie der Kannibale Albert Fish. Hier starb auch das wohl fälschlich wegen Spionage verurteilte Ehepaar Julius and Ethel Rosenberg. Ein anderer bekannter Insasse war der Bankräuber Willie Sutton, dem als einen der wenigen 1932 die Flucht aus Sing Sing gelang. Sutton verdanken wir die schlüssigste Begründung dafür, warum man eine Bank überfallen sollte: »Because that’s where the money is.«

Diesen geschichtsträchtigen und legendenreichen Ort suchten sich 1971 die beiden Filmemacher David Hoffman und Harry Wiland aus Ossining aus, um den Insassen etwas anderes zu geben als das tägliche zermürbende Einerlei des Gefängnisalltags. Sie boten einen Filmworkshop an, an dem nach einigen Schwierigkeiten mit der Ausstattung, der Verwaltung, den Wächtern und nicht zuletzt den Gefangenen zwölf Insassen teilnahmen. Ein Jahr lang arbeitete man zusammen, als Höhepunkt wurde ein »Thanksgiving«-Konzert am 22. November 1972 und dessen filmische Dokumentation geplant.

Das Konzert war keine Idee, die von außen kam, es wurde nicht von einer Agentur organisiert, die für ihre Schützlinge einen möglichst medienwirksamen Auftritt suchte. Die Kontakte zur Außenwelt übernahmen Hoffman und Wiland, um die interne Organisation kümmerten sich die Gefangenen selbst. So ist der Mann vom Anfang des Films – den wir später als »Toni« und mit seinem Spitznamen »Applehead« kennen lernen – der Konzertmanager, der sich um die Ausgestaltung der notdürftigen Behelfsbühne kümmert. Gespielt wurde in der Gefängniskirche, als einzigen Wandschmuck konnten lediglich einige weiße Stoffbahnen mit den Namen der Gruppen aufgehängt werden. An gängige Konzert-Effekte wie Lightshows war nicht zu denken, denn natürlich blieb der gesamte Raum während des Konzertes beleuchtet, damit das Publikum nicht auf dumme Gedanken kam.

Heute gehören Auftritte in Gefängnissen fast zum Alltag einer Rockband, doch 1972 war das anders – erst Recht, wenn man bedenkt, welchen Ruf Sing Sing hat. Die Idee, ein Konzert in einem Hochsicherheitsgefängnis zu veranstalten, stieß auf wenig Gegenliebe. Bei der Suche nach Musikern, die bereit waren, an diesem Konzert teilzunehmen, erntete man zahlreiche Absagen. Doch am Ende standen vier Zusagen: The Voices of East Harlem, Joan Baez, B. B. King und Jimmy Walker. Bis auf The Voices of East Harlem sind alle Künstler auch heute noch aktiv und erfolgreich im Show-Business.

Noch zwei Tage vor dem Konzert war nicht sicher, ob es überhaupt statt finden würde. Würden die Wachen das Konzert erlauben? Und wenn ja – würden die Insassen überhaupt kommen? Die Wachen erlaubten. Die Insassen kamen. Und sie erlebten eines der faszinierendsten Konzert-Happenings in der Geschichte der populären Musik.

Mit Sing Sing Thanksgiving dokumentiert die Filmcrew das Geschehen, und zeigt nicht nur das Konzert, sondern auch seine Vorbereitung und der Gefängnisalltag unter Verwendung des Materials, das die Insassen selbst gedreht haben. Der Film zeigt roh, direkt und authentisch – digitale Studioqualität darf man von einem Zeitdokument wie diesem Film natürlich nicht erwarten –, was an diesem Tag in Sing Sing passierte. Als Zuschauer erlebt man nicht nur das Konzert mit, sondern bekommt einen Eindruck vom Zellenalltag und den komplizierten sozialen Spielregeln zwischen Gefangenen und Wärtern.

The Voices of East Harlem war eine in den siebziger Jahren populäre Soulband, deren Besetzung häufig wechselte. Sie bestand aus rund 20 Sängern und Musikern im Alter zwischen 12 und 21 Jahren. Man kann sich nur schwer vorstellen, was es für Männer, die seit mehreren Jahren nur die Mauern von Sing Sing kannten und nur wenig Aussicht darauf hatten, jemals sehr viel mehr kennen zu lernen, bedeutet haben mag, wenn eine Teenager-Gruppe vor ihnen auf die Bühne stürmt und weiße T-Shirts trägt, auf denen zur erhobenen rechten Faust das Motto der Gruppe steht: »Right on to be free«. Wenn die Kamera über die Gesichter im Publikum schwenkt, während auf der Bühne eine ausgelassene junge Soulband tobt, sieht man eine Mischung aus Freude, Verzweiflung und Tränen, die man so schnell nicht mehr vergisst. Hier wird erkennbar, dass Soul und Blues nicht einfach nur unterhaltsame Musik ist, sondern eng mit den Gefühlen und dem Leben der Menschen verknüpft ist.

Die eigentümliche Mischung aus Begeisterung und Schmerz begleitet auch den Auftritt von Joan Baez. Zum Zeitpunkt des Konzerts war Baez 31 Jahre alt und die wohl bekannteste Vertreterin der politischen Folkmusik. Sie kämpfte gegen den Vietnamkrieg, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit, ist bis heute in der Friedensbewegung und Amnesty International aktiv und bekam wegen ihres politischen Engagement mitunter Gelegenheit, ein Gefängnis nicht nur als Besucher von innen zu betrachten. Es hat eine ganz eigenen Note, wenn sie sich zum Auftakt ihres Auftritts ausgerechnet Bob Dylans »I shall be released« aussucht –und dafür vom Publikum begeistert gefeiert wird.

B. B. King war bereits 1972 eine lebende Legende. Der Mann, den Erik Clapton als den besten Bluesmusiker der Welt bezeichnet und dem der Teil »Road to Memphis« aus Martin Scorsese epochalem Blues-Projekt große Aufmerksamkeit widmet, steht bis heute auf der Bühne und ist der vielleicht einflussreichste Bluesmusiker aller Zeiten. Er wurde am 16. September 1925 als Riley B. King auf einer Farm in der Nähe von Indianloa, Mississippi, geboren. Seit seiner Jugend spielte er auf den Straßen und sammelte Kleingeld. 1947 trampte er nach Memphis, der Bluesmetropole der Zeit und bis heute einer der magischen Orte der amerikanischen Musik. Hier wurde er zum Star im örtlichen Radio, rund zehn Jahre später tourte er mit seiner Band durch die USA – und hat damit bis heute nicht aufgehört. King gab in seinen betriebsamsten Jahren bis zu 250 Konzerte im Jahr – das Konzert in Sing Sing nimmt eine Sonderstellung ein.

B. B. King nannte es später einmal das vielleicht wichtigste Konzert seiner Karriere. Sein Auftritt sorgt nicht nur für anhaltende Begeisterung im Publikum, auch die Wachen, die mit stoischer Mine das Konzert und vor allem das Publikum im Auge behalten, können sich dem Elan, dem Witz und der Spielfreude des King of Blues nur schwer entziehen.

In den Konzertmitschnitt haben die Macher des Films immer wieder unzensierte Statements von Wachen und Bewachten geschnitten. Als Zuschauer bekommt man Einblicke in eine finstere Welt, in der zumindest für einen Tag die Möglichkeit aufschien, dass es auch anders sein kann. Zumindest für einen Tag wurde die Bitte erfüllt, die wir am Schluss des Films hören: »All we ask, man«, sagt dort Toni »Appelhead«, »is to be treated like human beings.«


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: