Sklaven der Arbeit: Mays Kolportage als Hörspiel

Freitag, 7. März 2014, 9.48 Uhr

Rund 30 Hörspielproduktionen der Radiosender sind für Karl May nachweisbar. Vieles davon ist verschollen, einiges ist bereits auf CD erschienen, und manches schlummert noch in den Archiven und wartet auf seine Wiederbelebung.

Welche Entdeckungen es hier zu machen gilt, zeigt das bei Hörspiel- und Serien-Liebhabern bekannte Unternehmen Pidax Film, das in schöner Regelmäßigkeit nicht nur alte TV-Serien neu auf DVD herausbringt, sondern auch Hörspieleklassiker auf MP3-CDs vorlegt.

Jüngstes Beispiel ist die großartige Hörspielfassung von „Sklaven der Arbeit“, die Walter Adler zusammen mit Bernd Lau 1977 für den Bayerischen Rundfunk inszenierte. Adler ist vielen May-Freunden vor allem durch seine ebenso exzellente wie opulente, zwölfteilige Version des „Orientzyklus“ bekannt. „Sklaven der Arbeit“ war seine erste Beschäftigung mit Karl May, und es ist bemerkenswert, dass Adlers Wahl nicht auf die bekannten Abenteuergeschichten Mays, sondern auf einen Ausschnitt aus dem Kolportagewust fiel.

Das Hörspiel zeigt einmal mehr, auf welch hohem Niveau im Rundfunk Hörspiele produziert wurden (und werden). Die durchweg hervorragenden Sprecher, die stimmige Geräusch- und Musikkulisse, die geschickte Bearbeitung, die das riesige Textungetüm in knapp drei Stunden bändigt – all das lässt „Sklaven der Arbeit“ nicht nur für May-Freunde zu einem Hörerlebnis werden.

Inhaltlich deckt das Hörspiel die gleichnamige zweite Abteilung des Kolportagemonstrums „Der verlorene Sohn“ ab; dem dritten Münchmeyer-Roman, der in 101 Lieferungen „vermutlich zwischen Anfang Okotber 1884 und Mitte November 1886“ (HKA II.19, S. 3213) erschien.

Für die Hörspielfassung mussten zwar notwendigerweise Kürzungen der wild wuchernden und genretypisch zeilenschinderisch geschwätzigen Handlung vorgenommen werden – immerhin erstreckt sich der Romanteil im Satz der HKA auf rund 630 gutgefüllte Seiten –, aber auf sprachliche Modernisierungen oder Anpassungen wurde verzichtet. So bleibt das typische Dativ-e ebenso erhalten wie die Belehrung des Erzählers, dass „Engelchen … ein Diminutiv von Angelica“ ist, „welcher Name zu Deutsch nämlich Engel bedeutet“.

Verzichtet wurde auch auf die naheliegende Versuchung, dem der Kolportage zugehörigen Kitsch durch parodistischen Einschlag zu entkommen. So unfreiwillig komisch und mitunter nur schwer erträglich manche Wendung in ihrer frömmelnden Einfalt auch sind, so flach und simpel die Charakterzeichnung auch sein mag: dergleichen gehört unlösbar zur Kolportage und kann nicht ohne Verlust aus ihr entfernt werden. Wer sich auf die Kolportage einlässt, tut gut daran, sie ernst zu nehmen – und genau dies tun sowohl die Bearbeitung als auch die Sprecher, die noch den gröbsten Unfug und die zweifelhaftesten Dialoge ernsthaft behandeln und so die unter allem erzählerischem Schutt begrabene Dignität der Kolportage wahren.

Auch der deprimierende und hoffnungslose Schluss wurde beibehalten. Zwar werden, wie es sich für die Kolportage gehört, die Schurken bestraft und das Heldenpaar dem bürgerlichen Happy End überantwortet, doch die letzten Worte des Erzählers gelten im Hörspiel wie bei May der hoffnungslosen Auguste Beyer, die an den brutalen Verhältnissen zerbricht und zur Kindsmörderin wird. Am Schluss wird der Hörer in die Trostlosigkeit entlassen: „Sie sagte kein Wort, und sie weinte auch nicht. Warum auch weinen? Es war nun doch Alles aus.“

Die CD-Fassung des zweiteiligen Hörspiels bietet leider keine Kapiteleinteilungen, sondern liegt in zwei jeweils gut 80-minütigen MP3-Dateien vor. Die Ausstattung der CD besteht im Grunde nur aus einem Beipackzettel, dem man die Rollen und ihre Sprecher und einige Informationen zu Adler und Lau entnehmen kann. Informationen zur Produktion finden sich leider nicht.

Aber dieses kleine Manko kann man der Ausgabe nachsehen und sich darüber freuen, dass diese gelungene Hörspielversion von „Sklaven der Arbeit“ nun endlich auf einer wohlfeilen CD-Ausgabe vor dem Vergessen bewahrt bleibt. Wer auf die kargen Zusatzinformationen verzichten kann, bekommt das Hörspiel auch bei den üblichen Verkaufsstellen als günstigen MP3-Download angeboten.

Bleibt nur zu wünschen und zu hoffen, dass Walter Adler sich vielleicht noch einmal an eine Hörspielbearbeitung eines May-Textes macht. Das „Waldröschen“ nach der Art des OrientZyklus: das wäre schon arg schön.

Sklaven der Arbeit. Eine Inszenierung von Walter Adler. Der komplette 2-Teiler. Produktion: Bayerischer Rundfunk/SWF (heute SWR) 1977. Pidax Film Media. MP3, ca. 166 Minuten. CD: ca. 12 Euro; Download: ca. 9 Euro.

Geschrieben für Karl May & Co

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Ein Kommentar zu „Sklaven der Arbeit: Mays Kolportage als Hörspiel“

Aus gegebenem Anlaß: „Informationen zur Produktion finden sich leider nicht.“ möchte ich auf die Hörspieldatenbank Hoerdat hinweisen.