So einfach ist das

Donnerstag, 1. Oktober 1998, 15.09 Uhr

E-Mail ist ein mächtiges Marketing-Werkzeug. Aber nur dann, wenn Sie es korrekt einsetzen.

Vor einem halben Jahr war’s, da pries ich an dieser Stelle die oftmals unterschätzte E-Mail als einen der großen Stützpfeiler des Internets, auf dem all die bunten Blütenträume vom erfolgreichen E-Commerce ruhen und forderte die Firmen dazu auf, sich lieber auf die sinnvolle und netzkonforme Nutzung der elektronischen Post zu konzentrieren, anstatt die kargen Mittel mit albernem Breitband-Unfug zu verschwenden.

Was dann kam, war ja zu erwarten: Allerlei Leute fühlten sich dazu ermuntert, mir die Mailbox mit unerwünschter Werbung zu füllen. Das ist zwar nicht sonderlich erfreulich, gehört aber wohl zum Berufsrisiko eines Kolumnisten. Und da unsereins darin geübt ist, den Widrigkeiten des Online-Alltags nützliche Informationen für die Leser abzugewinnen, sei der Spam ausnahmsweise einmal willkommen: Schließlich ist nichts so unbrauchbar, daß es nicht noch zum schlechten Beispiel taugte. Was also machen all jene falsch, die erfolglos versuchen, mich über E-Mail als Kunden zu gewinnen?

An der Spitze der Ärgerlichkeiten stehen fraglos die megabytegroßen Mailklopse, die nicht nur Zeit und Geld kosten, sondern mir obendrein den Weg zu meiner Mailbox versperren Da schickt mir etwa eine Firma Informationen über ihre neuen Boards. Gut. An der Mail hängt ein 2,2 MByte großes JPEG des Boards. Gar nicht gut: Ich wollte von unterwegs kurz einen Blick in meine Mailbox werfen – und konnte es nicht, weil diese Monstermail den Dial-Up-Account verstopfte. Pech für die Firma – aber an ihren Boards bin ich nicht mehr interessiert.

Auch ohne Bilderanhang kann eine Mail schnell zu groß werden. Was denkt sich eigentlich eine PR-Agentur, die Pressemitteilungen im Umfang von 10 KByte oder mehr verschickt? Zehn KByte Text: Das sind zwei gut gefüllte Seiten der Internet Professionell. Würden Sie eine solche Mail lesen, zumal Sie Ihnen ungefragt ins Haus geschickt wird? Sehen Sie, ich auch nicht.

Obendrein sind diese Mails dann noch hundsmiserabel, nämlich gar nicht aufbereitet. Die PR-Agenturen, die dergleichen verschicken, schreiben, was sie zu schreiben haben und drucken das aus: Das wird die Presseaussendung per Snail-Mail. Dann nehmen Sie die Datei und kopieren sie in ein Mailformular: Das ist die Presseaussendung per E-Mail. Doch das klappt so nicht. Eine E-Mail wird nicht blätternd überflogen, sondern nach Betreff, Absender und erstem Absatz beurteilt. Nur wenige Sekunden entscheiden über Lesen oder Löschen.

Und dann gibt’s noch die ganz schlauen Agenturen, die so richtig im Trend liegen und das Medium voll im Griff haben. Die verschicken dann HTML-Mail. Das wäre eigentlich so schlimm nicht, wäre HTML-Mail einerseits ein allgemein akzeptierter Standard – was sie nicht ist – und wüßten die Absender, wie man damit umgeht – was sie nicht tun. Statt die Möglichkeiten von HTML durch saubere Strukturierung des Textes zu nutzen und mit sparsamen Auszeichnungen zu arbeiten, verwandeln sie die Mail in ein monströses knallbuntes Etwas mit wüsten Zeichensatzchaos. Da freut man sich gleich doppelt über die Deletefunktion und das Killfile.

Dabei ist es eigentlich doch gar nicht so schwer. Erste Regel: Die eigene Systemkonfiguration ist nicht der Nabel der Netzwerkwelt. Zweite Regel: Gleich hinter der Modemsteckdose beginnt eine große, weite Welt mit einer bunten Mischung aus Plattformen, Programmen und Personen. Dritte Regel: Wer sich an die Spielregeln der Netiquette und RFCs hält, der profitiert vom System. Wer sich nicht daran hält, der spielt nicht mit. So einfach ist das.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Oktober 1998


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