Sündenfall und Höllenfahrt

Montag, 16. November 1998, 11.49 Uhr

Ein Pionier packt aus: Michael Wolff berichtet vom Aufstieg und Fall seiner Firma und erzählt die lehrreiche Geschichte der frühen Internetjahre.

Das haben wir immer schon befürchtet:

Als eine Industrie, die sich selbst erst erschafft, während sie arbeitet, ist das Internet hochgradig verdächtig, die Kunst der Illusion zu betreiben. Optimismus ist unser einziges Kapital; unsere Produkte sind Luftschlösser, und der gute Ruf erschöpft sich oft in einer Pressemitteilung.

Bereits im Vorwort von Goldrausch plaudert Wolff eines der Geheimnisse der Branche aus und weist lapidar darauf hin, daß der Kaiser nackt ist: Das Internet, das viel gepriesene Medium der Zukunft, die unerschöpfliche Goldmine, aus der die Millionengewinne nur so sprudeln werden, ist in Wahrheit ein schwarzes Loch, eine riesige Geldvernichtungsmaschine – und wer weiß (aber das verrät Wolff dem Leser erst sehr viel später): vielleicht ist es auch gar kein Medium und das verbissene Engagement der Verlage und Medienkonzerne nichts als ein milliardenschweres Mißverständnis.

Michael Wolff, GoldrauschMichael Wolff: Goldrausch. Vom Überleben in der wilden Welt des Internet-Business. München: Econ-Verlag, 1998. 351 Seiten, 39,80 Mark

Michael Wolff demontiert die Illusion, mit publizistischen Aktivitäten im Internet könne man so einfach Geld verdienen – und er weiß, wovon er redet: Wolff gehört zu den Pionieren im Netz, er war eine der zentralen Figuren und Vordenker der ersten Stunde und einer der begehrtesten Redner auf unzähligen Kongressen und Veranstaltungen, er leitete eine der erfolgreichsten und coolsten Firmen im Netz, publizierte Bestseller zum Thema Internet und schien kurz vor dem endgültigem, definitivem Durchbruch zu stehen:

Der Bankenvorstand war fest überzeugt, daß unser Laden, der mehr als eine Million Dollar einnahm und Verluste von rund drei Millionen schrieb, selbst im augenblicklichen Tief noch mindestens sechzig Millionen wert war.

Angefangen hatte der New Yorker Schriftsteller und Journalist Wolff mit einer kleinen, dreiköpfigen Medienfirma. Er entwickelte verschiedene Buch-, Zeitschriften- und TV-Projekte – und verdiente damit »zufriedenstellende Erträge«. 1994 erweiterte die Firma ihren Medienbegriff um das Internet – und aus den bescheidenen Gewinnen wurden drastische Verluste:

Mit wachsendem Unbehagen rechne ich aus, daß meiner kleinen, aber feinen Firma, die in kaum zwei Jahren von drei auf siebzig Angestellte aufgequollen ist, ohne Kapitalnachschub noch sieben Wochen bleiben bis zur Pleite.

In seinem Buch beschreibt er die immer hektischer werdenden Versuche, diese drohende Pleite um einen weiteren Monat hinauszuschieben. Seine Rettungsaktionen werden zunehmend grotesker, in immer schnellerem Tempo gerät ihm sein Internet-Experiment zur Höllenfahrt. Sein Sündenfall ist der nur zu verständliche Traum vom schnellen Geld –

Mehr verdienen, als man sich träumen läßt. Genug Kohle, um endlich zu tun und zu lassen, was man will, ohne daß die Idioten einem dreinreden. Die Leck-Mich-Knete. Der süßeste Köder.

– , Stück für Stück verkauft er seine Seele:

Wie viele jämmerliche Lügen habe ich erzählt? Wie viele moralische Ausrutscher hatte ich mir zuschulden kommen lassen? Wie oft habe ich meine hehren Grundsätze verraten?

Am Schluß ist er ausgebrannt, erschöpft und unendlich müde:

Ich glaube nicht, daß ich je im Leben so müde war. Ich musterte mißtrauisch das Hefeteilchen in meiner Hand und fragte mich, wie es dort hingekommen sein mochte. Ich stand auf dem Podium vor den versammelten Investoren und hielt es nicht für ausgeschlossen, auf der Stelle zu kotzen. Dabei war ich voll da! Präzise. Nüchtern. Elegant. Graues zweireihiges Sakko. Und kurz davor, den Anwesenden ins Gesicht zu speien.

Wolffs Geschichte steckt voller absurder Wendungen – und man glaubt sie ihm alle: So, genau so muß es bei den in immer irrsinnigerem Tempo laufenden Geschäften und Verhandlungen der Gläubigen, Goldsucher und Glücksritter im Internetbusiness zugehen: Credo, quia absurdum.

Goldrausch ist ein großartiges Buch, ebenso unterhaltsam wie aufschlußreich, voller witziger Anekdoten, grotesken Geschichten, verblüffender Einsichten und provokanter Thesen.

Da gibt es zum Beispiel die bizarren Verhandlungen mit Magellan, jenem kurzlebigen, aber hochgehandelter Konkurrenten zu Yahoo. Auf Betreiben seines Bankiers setzt Wolff alles daran, mit ihnen zu fusionieren. Bis sich herausstellt, daß Magellan noch weniger Geld hat, als er selbst. Für seinen Bankier kein Problem: »Wir fusionieren nicht mehr mit ihnen, wir schlucken sie.« – »Wir kaufen Magellan auf!« erzählt Wolff begeistert seiner Frau, die als Juristin gleichzeitig Rechtsbeistand der Firma ist. »Mit was?« ist ihre einzige Reaktion.

Nach außen machte Wolff New Media LCC einen glänzenden Eindruck. Das war die Firma, die offensichtlich Erfolg hat, gegründet und geleitet von einem der wenigen Leute, die von Anfang an dabei waren und verstanden, wie das Internet funktioniert. Keine Frage – Wolff New Media gehörte zu den Gewinnern des Goldrausches.

In Wirklichkeit lebte man von der Hand in den Mund, schwindelte sich durchs Leben, war auf der rasend rastlosen Suche nach Investoren und wußte nicht, wovon man im nächsten Monat die Gehälter zahlen sollte.

Als letzte Rettung greift Wolff zur Schmierenkomödie. Um unangenehmen Fragen seines Geldgebers Rubin aus dem Weg zu gehen, ohne dessen Geld zu verlieren, ersinnt er eine Lügengeschichte vom herzkranken Schwiegervater, der plötzlich einer lebensgefährlichen Operation unterzogen werden muß:

Mit Ann, dem zur Vorzimmerdame promovierten Kindermädchen, war ausgemacht, daß sie, nachdem sie die Tür hinter Rubin geschlossen hatte, auf meinem Apparat anrufen sollte. Jetzt klingelte es wie verabredet; ich bedeutete Rubin, Platz zu nehmen, und führte – schließlich waren wir Partner und hatten keine Geheimnisse voreinander – mein »Telefonat«.

Wolff gaukelt Rubin eine dramatischen Notfall vor und stürzt aus dem Büro – nicht ohne seinen Geldgeber darauf hinzuweisen, daß »wir unbedingt das Geld auf dem Konto haben« müssen: Wer wäre in einer solchen Situation hartherzig genug, die Bitte zu verweigern?

Burleske Höhepunkte sind Wolffs Verhandlungen mit AOL oder sein Deal mit CMP, einem der größten Computerfachverlage der USA.

Während das AOL-Geschäft einen überaus chaotischen Verlauf nimmt, um schließlich einen überraschenden Haken zu schlagen –

»Wenn Sie eine Möglichkeit finden«, schlug er unverblümt vor, »daß wir Ihren Antrag so ändern können, daß Sie an uns zahlen statt wir an Sie, sollten wir sofort abschließen.«

– ist CMP so versessen darauf, ins Internet-Geschäft einzusteigen, daß sie Wolff »eine stattliche siebenstellige Summe (in der Dimension eines Filmvertrages) für, nun ja, gar nichts« gaben.

Dieses »gar nichts« bestand hauptsächlich aus einer schnell zusammengehauenen, veralteten Datenbank mit ein paar tausend URLs, die die Grundlage für Wolffs überaus erfolgreiches Buch NetGuide gebildet hatte:

Bis heute bin ich überzeugt, daß sie glaubten, uns das Internet abzukaufen, daß unsere FileMaker-Datenbank so etwas wie eine Schatzkarte war.

Doch dieses »Geschäft meines Lebens« bleibt die große Ausnahme und als am Schluß plötzlich ein Deus ex Machina in Form zweier neuer Investoren auftaucht –

Sie waren wirklich drauf und dran, den Scheck auszustellen. Ich konnte einwilligen. Ich konnte ein neues Kapitel aufschlagen. Ich brauchte nur ja zu sagen

– ist es Wolff, der nicht mehr will. Er bekommt grundlegende Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Auf dem Kongreß der Zeitungsverleger der USA muß er feststellen, daß sein Traum vom Internet als neuem Medium vorbei ist: »Alles was ich heraushörte war: Das Web – dieses großartige, aufregende Experiment – sollte ein Versandhauskatalog werden.«

Wolffs Geschichte vom Aufstieg und Fall seiner Firma ist nicht nur ein anekdotische Randnotiz zur Geschichte der kommerziellen Nutzung des Internets – es ist das derzeit wohl wichtigste und anregendste Buch zum Thema. Daß es überdies auch das amüsanteste ist, sei nachdrücklich festgehalten.

Zuerst erschienen bei Spiegel Online, 47 / 1998


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