The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford

Mittwoch, 23. April 2008, 1.23 Uhr

Jesse JamesThe Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford ist trotz seines eher actiongeladenen Themas ein ungewöhnlich ruhiger Film, der sich für seine Erzählung von verlorenen Männern in Psychopath County gut 2,5 Stunden Zeit nimmt. Wer bei der Laufzeit und dem Thema einen epischen Western erwartet, der wird enttäuscht werden. Natürlich sieht man all das, was man erwartet: Männer mit Hüten auf Pferden in weiter Landschaft, Überfälle, Schießereien, Prügeleien im Saloon. Aber so, wie man es dann zu sehen bekommt, hat man es vielleicht doch nicht erwartet. Viele Szenen sind von einer fast kammerspielartigen Kargheit, bei der es mehr als einmal rätselhaft bleibt, was die Männer in diesem Film eigentlich antreibt (immerhin, sie scheinen es auch nicht zu wissen).

Entsprechend sind die Dialoge. Die Leute reden nicht viel und wenn sie reden, reden sie aneinander vorbei, belauern oder belügen sich. Das eigentliche Gespräch scheint immer dann statt zu findet, wenn sich die Leute anschweigen (übrigens ist das ein Film, bei dem man sich über die englischen Untertitel der DVD freut, ich hätte von dem dialektgeschwängerten Genuschel sonst überhaupt nichts verstanden).

Man kann sich gar nicht vorstellen, dass einer von diesen Männern einmal richtig lacht oder einfach nur ruhig da sitzt. Es gibt einige beängstigend falsche Lachsequenzen, bei denen jeder weiß, dass sich die Männer sofort erschießen müssten, wenn sie sich nicht zum gemeinsamen Lachen zwängen und vorlögen, wie prima man sich versteht.

Der Film entwickelt bei anfänglichem Befremden einen sehr seltsamen Sog und man entdeckt eine ganze Reihe von Schichten und Subtexten. Es geht nicht nur um die Ermordung von Jesse James durch den Feigling Robert Ford, es geht zum Beispiel (und zwar wortwörtlich von der ersten bis zur letzten Szene) um den Zusammenhang von Sprache und Welt, von Bildern und Wirklichkeit, um Fremdheit und Eigenes und, natürlich, um Mann und Frau.

Ein wirklich erstaunlicher Film mit sehr guter Besetzung. Casey Affleck wurde zu recht für den Oscar nominiert, Brad Pitt hätte es ebenfalls verdient. Dass ein junger Regisseur mit seinem zweiten Film derart in die Vollen geht, ist schon überraschend. Nur an einigen etwas zu kunstvoll arrangierten Bildern, an einigen etwas zu langen Sequenzen merkt man, dass Andrew Dominik erst am Anfang seiner vermutlich beeindruckenden Laufbahn steht.