The Brave One

Montag, 3. März 2008, 1.04 Uhr

Die Fremde in DirDie Inhaltsangabe zu The Brave One scheint auf eine Neuauflage von Ein Mann sieht rot (Death Wish, 1974) hinauszulaufen und prompt haben auch viel zu viele Zeitungen ihre Rezension mit Eine Frau sieht rot oder Jodie Foster sieht rot überschrieben. Doch nichts könnte falscher sein und den Film stärker verfehlen. The Brave One ist kein Plädoyer für Selbstjustiz, es ist – obwohl Jodie Foster mit einer Waffe herumläuft und Männer erschießt – auch kein Film über Rache. Statt dessen wird die Frage gestellt, was passiert, wenn eine Persönlichkeit zerfällt. Der Film stelle viele Fragen, sagt Jodie Foster, und gebe keine Antworten. (Was angesichts der Schlusswendung nicht vergessen werden sollte.)

Und so selten es vorkommt, hier ist es passiert: der deutsche Titel Die Fremde in Dir trifft sehr viel genauer und passender den Inhalt des Filmes – weshalb Jodie Foster in Interviews den deutschen Titel gegenüber dem missverständlichen Originaltitel auch den Vorzug gibt. Den habe ich übrigens selbst dann nicht verstanden, als ihn der Drehbuchautor in der obligatorischen DVD-Dokumentation erklärte. Danach sollen wir die Mut oder die Tapferkeit des Titels nicht in der blutigen Spur sehen, die Erica Blain (Jodie Foster) hinterlässt, sondern in ihrem Entschluss, nach einer schrecklichen Gewalttat weiterzuleben. Nunja.

Wie auch immer. Jodie Foster ist atemberaubend gut und spielt die Frau, die schwer traumatisiert nach drei Wochen aus dem Koma aufwacht und feststellt, dass nicht nur ihr Körper, sondern ihr gesamtes Leben zerschlagen wurde, so eindringlich, dass man ihren ausweglosen Schmerz als Zuschauer fast zu spüren vermeint. »Wie macht man das«, fragt sie einmal der Polizist, »wie setzt man die Puzzlestücke wieder zusammen?« – »You become someone else« antwortet Foster nach kurzem Zögern, mit einer rauen, unsicheren Stimme und einer Mine, in der sich das Erschrecken über sich selbst und die unerklärliche Präsenz des Fremden spiegelt.

Unvergesslich auch ihr entsetzer Blick, als sie, noch in eindeutiger Notwehr, einen Mann erschießt, und erkennt, dass sie eine Grenze überschritten hat und eine andere geworden ist. Erica Bain ist kein tumber Racheengel, sie weiß, was sie tut und sie weiß, dass das, was sie tut, durch und durch falsch ist und kann doch nichts anderes tun, als das, was sie tut.

Für sie gilt, was Jan Philipp Reemtsma als Fazit zu John Rambo in First Blood (1982) gesagt hat: Alle Sympathie und Mitgefühl ist bei Erica Bain. Und alle Einsicht gegen sie.