The Plant

Donnerstag, 17. August 2000, 23.56 Uhr

Eines muß man Stephen King ja lassen: er versteht sein Handwerk. Er betreibt sein Schreiben konsequent als bürgerlichen Brotberuf, den er in allen Bereichen – er kann einen Spannungsbogen genau so routiniert aufbauen, wie seine Bücher vermarkten – ausgesprochen professionell ausübt. On Writing: A Memoir of the Craft heißt denn auch das nächste, für Oktober angekündigte Buch.

Stephen King The PlantFalls genügend Leser für den Download bezahlen, sollte Stephen Kings The Plant in monatlichen Fortsetzungen auf www.stephenking. com erscheinen. Jede Episode mit 5000 bis 7000 Worten kostete 1 US-Dollar, umfangreicherer Lieferungen sollten 2,50 US-Dollar kosten. Der Roman gedieh bis zur sechsten Fortsetzung, dann stellte King die Arbeit vorerst ein und vertröstete auf spätere Vollendung. Dem naheliegenden Verdacht, das Experiment sei gescheitert, begegnet King mit einem Hinweis auf akute Arbeitsüberlastung und damit, dass der Roman schon einmal 19 Jahre auf Eis gelegen habe, man sich also keine Sorgen machen müsse, wenn er erneut für einige Zeit in den Winterschlaf geschickt werde.

Daß er seine jüngste Erzählung The Plant seit dem 24. Juli via Internet vertreibt, ist nur konsequent: Wo etablierte Verlage aus lauter Sorge ums Copyright und ihre Einnahmen zögern und zaudern, reagiert der Handwerker King auf die sich verändernden Produktionsmitteln.

Schon vor einigen Jahren bot er die Erzählung Umney’s Last Case im Internet als ASCII-Version an, im März 2000 folgte die ausschließlich digital publizierte Geschichte Riding the Bullet, deren erstaunlicher kommerzieller Erfolg die Branche aufhorchen ließ. Mit The Plant – einer Erzählung in Briefen, um die Leiden eines Lektors, der an einen seltsamen Autor gerät –, setzt King diese Versuchsreihe nun etwas radikaler fort. An seinem neuen Roman verdient nur noch einer: der Autor, der den Text unter Umgehung sämtlicher Zwischenstufen als monatliche Fortsetzung im digitalen Selbstverlag veröffentlicht.

Dabei greift King formal zwar weit zurück – der Briefroman stammt aus dem 18., der Fortsetzungsroman aus dem 19. Jahrhundert –, bricht dafür aber mit den Konventionen der Branche. Wo sich sonst die Kopierschutzfetischisten tummeln, führt er den Sharewarevertrieb für Literatur ein: Jeder kann den ersten Teil von The Plant von Kings Homepage herunterladen, ausdrucken und lesen. Zur Auswahl stehen alle üblichen Formate, von der professionell gestalteten PDF-Datei über HTML bis zu reinem ASCII.

Bezahlt werden soll entweder vorab oder nach der Lektüre: »buck an episode«, ein Dollar pro Fortsetzung. Nur wenn sich mindestens 75 Prozent der Leser daran halten, schreibt King die Erzählung weiter. Dabei verläßt er sich auf die Rechtschaffenheit seiner Leser, der er mit einer genau dosierten Fair-Deal-Rhetorik nachzuhelfen weiß:

My friends, we have a chance to become Big Publishing’s worst nightmare. […] There’s only one catch: all this is on the honor system. Has to be. […] ›Take what you want and pay for it,‹ as the old saying goes. […] Pay and the story rolls. Steal and the story folds. No stealing from the blind newsboy! […] If you want to print copies and give them away, I can’t stop you […] But don’t sell them. […] Respect my copyright. As a writer, it’s all I’ve got.

Bezahlt wird entweder per Scheck oder per Kreditkarte via Amazon (die damit einmal mehr einen erstaunlichen Mut zum Defizit beweisen). Als Quittung bekommt der ehrliche Leser eine E-Mail von Stephen King: »Thanks for reading my story, thanks for your honesty, and thanks for helping us change the face of publishing! Stephen King«. Das könnte man sich fast ausdrucken und ins Album kleben, gäbe es da nicht noch eine Notiz, die jeden Sammlereifer erkalten läßt: »Note: This message was sent to you by an automated e-mail system. Please don’t reply to it.“

Die Bilanz nach der ersten Woche kann sich sehen lassen. Genau 152.132 mal wurde das erste Kapitel geladen, 116.200 Besucher waren bereit, ihren Dollar zu zahlen. Das entspricht einer Quote von gut 76 Prozent – King schreibt also weiter.

Auch kommerziell ist The Plant bereits jetzt ein fulminanter Erfolg, hat das Projekt doch bereits nach einer Woche die Anfangsinvestition von 124.150 Dollar für Servereinrichtung und – vor allem – Anzeigenschaltung in Magazinen wie USA Today und Publisher’s Weekly eingespielt.

Doch den King-Leser lassen solche Zahlenspielereien eher kalt, der wartet geduldig auf den 21. August. An diesem Tag erscheint Teil 2 von The Plant – Teil 1 endet mit einem wohl dosierten Cliffhanger und man will schließlich wissen, wie’s weitergeht.

Wie gesagt, eines muß man Stephen King ja lassen: er versteht sein Handwerk.

Zuerst erschienen bei: Die Zeit im Internet, 33 / 2000


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