Tomorrow never knows

Montag, 16. August 1999, 0.07 Uhr

Seit knapp einem Jahr wurschtelt und wütet TOMORROW frohgemut durch die digitale Welt. Zeit für eine kursorisch-kritische Blütenlese des gutgelaunten Unfugs: The Worst of Tomorrow – today.

Tief Luft holen, eyes wide shut – und durch:

ASCII. Abkürzung für ‚American Standard Code for Information Interchange‘. Der ASCII-Code legt fest, dass die Buchstaben, Zahlen, Satz- und Sonderzeichen unseres Alphabets nach einem genauen Standard gegliedert sind. Damit ist sichergestellt, dass auf jedem Computer und mit jedem Text-Programm die Zeichen immer nach dem gleichen Schema kodiert sind und also auch immer auf die gleiche Weise dargestellt werden – ob auf dem Monitor oder beim Ausdruck. Bei e-Mail gibt es mitunter Probleme mit Umlauten und mit dem ‚ß‘, was daran liegt, dass hier ein alter ASCII-Code verwendet wird. An diesem Problem wird gearbeitet. Es sollte bald der Vergangenheit angehören. Moderne Programme werden damit meist schon heute automatisch fertig.


Mit diesen Sätzen, in deren heillosem Durcheinander kein Begriff auf dem anderen bleibt und außer der Auflösung der Abkürzung nichts, aber auch rein gar nichts stimmt; mit diesen Sätzen, in denen ein sichtlich überforderter Redakteur komatös mit Sinn und Semantik ringt und in denen von MIME über Unicode bis WYSIWYG alles derart durcheinanderrumpelt, daß einem schon vom bloßen Zusehen schwindlig wird; mit diesen Sätzen, die sturheil im verwegenem Schlingerkurs auf einen unerschütterlich positiven Schlußschlenker zusteuern: Mit diesen Sätzen glaubt »Deutschlands große Internet-Illustrierte« ihren Lesern den Sinn und Zweck des ASCII-Codes verständlich zu machen.

Noch nie trat atemberaubender Dilletantismus derart hemdsärmlig mit auskennerischer Geste als Erklärung auf, noch nie dokumentierte eine Redaktion auf so engem Raum ihre unbekümmerte Inkompetenz, noch nie leistete ein Zeitschriften-Konzept einen derart scheppernden Offenbarungs-Eid wie auf den zwölf Seiten des »Internet ABC« der August-Ausgabe von Tomorrow, in denen die zitierten Sätze zu finden sind.

Eingeleitet werden sie mit einer mehr als berechtigten Frage: »Keinen blassen Schimmer, was ASCII, Breitband oder Chatterbot bedeuten?« Keinen blassen Schimmer, in der Tat: Schon der erste Teil der »neue Serie für Einsteiger und Fortgeschrittene« wartet mit einer verschwenderischen Fülle von Fehlern, Ungereimtheiten und schierem Nonsens auf, daß einem Angst und Bange werden kann. Wenn schon Teil eins derart wuchtig aufschlägt – mit welchen Wortblasen wird die Redaktion unseren Glauben an das Gute, Wahre, Schöne in den angedrohten fünf weiteren Folgen erschüttern?

Aber vielleicht ist der ASCII-Eintrag einfach nur ein Ausrutscher, ein aus Zeitnot und Produktionsstreß geborenen Fehler, eine Panne, wie sie – shit happens – jedem unterlaufen kann. Allein: Wo MS-DOS zur Unix-Shell mutiert, die Redaktion das Binärsystem umweltfreundlich als »duales System« entsorgt oder der Backslash mit dem Schrägstrich verwechselt und zum »Trennstrich in WWW-Adressen« wird, da ist es mit dem Glauben an einfache Fehler vorbei. Wären es nur allzumenschliche Irrtümer, der Redaktion könnte geholfen werden und der Leser Hoffnung fassen, daß es schon noch was werden wird mit der Zeitschrift von morgen. Doch zu fundamental ist das Mißverständnis, das dem Leser aus fast jeder Seite von Tomorrow entgegen lächelt, zu grotesk die auf ihnen dokumentierte Vorstellung darüber, was einen Computer und das Internet im Innersten zusammenhält, als daß der Redaktion mit rascher Hilfestellungen auf die Sprünge zu helfen wäre.

Vielleicht hätte die Redaktion jemand fragen sollen, der sich damit auskennt. Aber das ist leichter gesagt, als getan: CCC-Gründer Wau Holland, der nicht gerade für allzugroße Berührungsängste bekannt ist und sich auch schon mal für die Designer-Tomorrow Konr@d in alberner Kostümierung ablichten läßt, beschied eine entsprechende Anfrage nach Lektüre der Mai-Ausgabe lapidar mit »Interview nur gegen Zahlung von Schmerzensgeld«. Dabei kannte er noch nicht einmal die Latrinen-Parole, die Tomorrow in der August-Nummer an »Einsteiger und Fortgeschrittene« gönnerhaft verbreitet:

Chaos Computer Club (CCC). Eine Gruppe von deutschen Hackern, die durch das Eindringen in Rechner der NASA und deutscher Banken für Schlagzeilen sorgte. Firmen lassen sich heute vom CCC angreifen, um Sicherheitslücken aufzudecken.

Schon für diesen Unfug, der hart an der üblen Nachrede vorbeischrammt, verdiente der CCC Schmerzensgeld.

Auf elf Ausgaben hat es der »Reiseführer durch die Multimedia-Welt« inzwischen gebracht und mit jeder Ausgabe bewies die Redaktion zuverlässig, daß sie nicht nur nicht weiß, was sie da tut, sondern daß sie erst recht nicht daran denkt, diesen desolaten Zustand zu ändern. Selig selbstverliebt in die eigene Unwissenheit scheint man nicht mal mehr in der Lage, ein beliebiges technisches Lexikon aus- und abzuschreiben. Die Illusion, ein erfolgreiches und gutes Magazin zu machen, muß ein starkes, glücksspendendes Sedativ sein (hat da jemand Econy gesagt?).

Seit elf Ausgaben zwängt die Redaktion die digitale Welt zwischen die beiden Pole Sex & Crime, seit zehn Ausgaben tapert sie blind stochernd, aber lauthals lärmend durch eine Welt, die sie nicht versteht und deren Regeln das Zeitschriftenkonzept vom bunten Allerlei für Leser, die direkt der Guten-Freunden-gibt-man-doch-ein-Küßchen-Welt entstiegen sind, hoffnungslos zu schanden werden läßt.

Dabei sind es nicht so sehr die spektakulären Beiträge zur Volksverdutzung, wie sie Tomorrow immer wieder präsentiert, die Anlaß zur Unruhe bieten. Nicht der Bericht über den angeblichen Drogenmarkt Internet, nicht der Flatrate-Flop und auch nicht die pubertäre Fixierung auf Pamela Anderson und andere Silicon Monster. Es sind nicht die »heißesten Magazine«, die »100 schönsten Frauen im Internet« oder die »500 Erotik Adressen«, mit denen die Redaktion ihrer männlichen Leserschaft Heft für Heft hilfreich zur Hand geht.

Es sind die unbeachteten Kleinigkeiten, die scheinbaren Petitessen, die als unbedeutende Details die Kontrollinstanz des Großen Ganzen unterlaufen. Vor ihnen vergeht der schöne Schein des gesamte Projekts Tomorrow bis nur noch das übrig bleibt, was Tomorrow ist: Eine Schaumschlägerei ungewöhnlichen Ausmaßes, ein monatlicher Windbeutel und Sprüchesack, ein publizistischer Bluff. Mag Tomorrow sich auch noch so moralinsauer zum Anwalt der guten Netizens aufplustern (»Internet – keine Freiheit ohne Verantwortung«), es reichen die ersten viereinhalb Zeilen des so überschriebenen Editorial, um die Luft rauszulassen: Der Kaiser ist nicht nur nackt, er ist noch nicht einmal Kaiser.

Was waren das für kuschelige Zeiten, als das analoge 1200er Modem piepsend Mailbox-Verbindungen herstellt und wir die neue Online-Freiheit genossen.

So beginnt Willy Loderhose die Juni-Ausgabe und biedert sich dem irritierten Leser als altgedienter Hacker an. Da mag man sich beim CCC und andernorts, wo man die ganz und gar nicht kuscheligen Nächte mit 300-Baud-Akustikkoppler durchwachte, die Augen gerieben haben. Wer hätte das gedacht: Willy Loderhose – »One of us! One of us!« Aber nur keine Angst, es geht ja noch weiter:

Und als vermeintlich böse Buben das noch junge Netz für ihre Zwecke mißbrauchten, bombardierten wir sie mit Botschaften unserer Mißachtung und nannten das »Spam«.

Nice try, Willy, aber es scheint der Fluch von Morgen zu sein, nun wirklich jeden Begriff aus dem Netzumfeld mit erstaunlicher Treffsicherheit garantiert falsch zu benutzen.

Game over. Insert next coin.

Zuerst bei: Spiegel Online, 33 /1999


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