Tschüss, Word!

Montag, 2. Mai 2005, 0.04 Uhr

Die Wahl der Werkzeuge, mit denen man täglich umgeht, basiert häufig auf einem Bündel von Faktoren und Zufällen. Als ich mir zum Beispiel während des Studiums eine Textverarbeitung für meinen damaligen Computer – einen „Commodore C128“ – zulegte, da kaufte ich mir Programm namens „Protext“. Ausschlaggebend war nicht die Qualität des Programms, sondern die Tatsache, dass es keine allzu große Auswahl gab, im Geschäft gerade dieses Programm vorrätig und es auch für meinen schmalen Geldbeutel erschwinglich war.

Als ich dann einige Zeit später auf einen richtigen PC wechselte und eine Textverarbeitung für MS-DOS benötigte, da geriet ich mitten in den Kampf zwischen „Word“ und „Wordperfect“. Ich entschied mich für Wordperfect – nicht, weil ich es besser als Word fand (das konnte ich mangels Erfahrung seinerzeit gar nicht beurteilen), sondern weil es, nun, sagen wir mal: leichter verfügbar war.

Die Entscheidung für Wordperfect war also purer Zufall, aber ich gewöhnte mich an das Programm und blieb ihm Jahre lang treu. Selbst als ich nach dem Studium in einer Redaktion arbeitete und alle meine Kollegen Word benutzten, blieb ich bei Wordperfect 5.1. Schließlich ist der Mensch ein Gewohnheitstier und wenn man einmal gelernt hat, eine bestimmte Aufgabe mit einem bestimmten Werkzeug erfolgreich zu lösen, ist die Motivation, etwas anderes auszuprobieren, doch eher gering.

Der Wechsel zu Word kam mit Windows. Eine Zeit lang hab ich auch bei Windows 3.1 weiterhin mit Wordperfect 5.1 in einem DOS-Fenster gearbeitet, aber im Laufe der Zeit sorgte der sanfte Druck der Arbeitsumgebung – das ganze Redaktionssystem war auf Word abgestimmt und ich hatte immer etwas mehr Arbeit mit der Umformatierung meiner Texte als meine Kollegen – dafür, dass ich schweren Herzens Abschied nahm und zu Word für Windows wechselte. Dabei ist es dann die nächsten 10 Jahre geblieben. Nun gibt es seit einiger Zeit mit „Open Office“ eine mächtige Alternative zu Microsoft Office und eine Reihe meiner Bekannten haben aus unterschiedlichen Gründen gewechselt. Nur ich nicht. Schließlich hatte ich mich in langen Jahren mit Word abgefunden und wusste im Schlaf, was ich machen musste, wenn ich damit einen Text schreiben wollte. Von den vielfach beklagten Problemen und Abstürzen habe ich kaum etwas mitbekommen (oder wohl genauer: ich hatte mich an sie gewöhnt).

Doch dann kam Freitag, der 29. April und nun sieht die Sache anders aus. An diesem Tag musste ich ein recht umfangreiches Manuskript mit zahlreichen Bildschirmfotos fertigstellen. Dabei ging es nicht nur um den reinen Text, sondern auch um ein Beinahe-Layout am Bildschirm, über das ich die Länge und spätere Druckform meines Manuskripts abschätzen konnte.

Dergleichen habe ich schon häufig getan, ohne dass es zu Problemen gekommen wäre – aber am Freitag musste ich ein etwas längeres Dokument mit etwas mehr Bildern als sonst bearbeiten und es ging einfach alles schief, was schief gehen konnte. Dass Word unvermittelt einfror oder abstürzt konnte ich noch verkraften, schließlich hatte ich in langen Jahren das „save early, save often“ verinnerlicht.

Was mich dagegen schier in den Wahnsinn trieb, war Words extreme Bockigkeit, sobald es sich nicht so recht entscheiden konnte, ob ein Bild noch auf eine Seite passte oder umbrochen werden musste. In diesen Fällen hat Word es sich nämlich einfach gemacht und mal das Bild, mal den nächsten Textabsatz kurzerhand verschluckt. In der Druckvorschau tauchten die fehlenden Teile dann plötzlich wieder auf, verschwanden aber bei einem Mausklick wieder. Das sah ich mir eine Zeit lang an, speicherte schließlich alles ab und öffnete Word erneut. Jetzt schien alles zu passen, ich schrieb weiter – bis ich verblüfft feststellte, dass meine 30 Seiten plötzlich nur noch 24 Seiten sein sollten. Sehr eigenartig. In der Druckvorschau schrumpfte das Dokument gar auf nur 22 Seiten ein.

Dann habe ich das Dokument, so wie es war, in Open Office geöffnet – und es sah genau so aus, wie es aussehen sollte: Ich glaube, es wird mal wieder Zeit, die Textverarbeitung zu wechseln – dieser Text ist der erste längere Text, den ich in Open Office schreibe. Ich vermute, es wird auf längere Sicht nicht der letzte sein.

P.S.
Wenn man den Bildern in Word eine eigene Formatvorlage zuweist und dort festlegt, dass der Absatz zusammen gehalten werden muss, geht’s übrigens auch in Word. Aber das ist mir jetzt auch egal.


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