u.a. May

Samstag, 26. Oktober 2013, 21.32 Uhr
Otto West: Apes don’t read philosophy.
Wanda: Yes they do, Otto. They just don’t understand it.

Auch wenn es vielleicht schwer fällt, aber wir müssen uns Adolf Hitler auch als Leser vorstellen. Als leidenschaftlichen, besessenen Leser, dessen Lektüre manische Züge zeigt. Wir müssen ihn uns als einen Leser vorstellen, an dem die ansonsten so bruchlos gelingende positive Besetzung des Begriffs „Lesen“ hoffnungslos zerschellt und den Blick auf eine banale Erkenntnis freigibt: Der Akt des Lesens ist weder positiv noch negativ – es kommt darauf an, was gelesen wird, warum und wie.

Leider wissen wir über Hitler als Leser nur recht wenig. Die wohl wichtigste Quelle zur Lesebiografie einer Person – ihre private Bibliothek – steht uns im Fall Hitler nur noch in Bruchstücken zur Verfügung und erlaubt kaum valide Schlüsse.

Rund 16.000 Bände soll Hitlers Bibliothek umfasst haben, erhalten sind davon noch rund 1200. Bei ihnen handelt es sich teilweise um Gast- und Geburtstagsgeschenke, nur das Wenigste dürfte vom Besitzer aus eigenem Antrieb angeschafft worden sein. Manche Bände sind übersäht mit Anstreichungen (bei denen allerdings auch nicht immer eindeutig ist, ob sie von Hitler stammen), manche wurden wohl nie angerührt. Kurz: die 1200 erhaltenen Bände sind ein zufälliges Sammelsurium, das uns kaum etwas über Hitler als Leser verraten kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: unter den 1200 Bänden findet sich kein einziges Werk Karl Mays, obwohl Hitler ein leidenschaftlicher May-Leser war.

Was bleibt sind vorderhand Aussagen Hitlers über sich selbst als Leser, Lektürespuren in „Mein Kampf“ (die wie alle Selbstaussagen immer problematisch sind) und Zeugnisse aus seinem Umfeld, wie etwa die seines Jugendfreundes August Kubizek, der sich „Adolf nicht ohne Bücher vorstellen“ konnte.

Die Schwierigkeiten, vor denen Werner Graf mit seiner Studie zu „Lektürebiografie des ‚Führers‘“ steht, sind also groß. Graf tägt akribisch alle Zeugnisse zusammen, die uns bei der Beantwortung der Frage, was Hitler las und wie er es tat, helfen können, und muss doch immer wieder zu Vermutungen und Spekulationen greifen. Er mutmaßt, wie Hitler Mays Wiener Rede erlebt haben könnte (falls er sie denn überhaupt erlebt hat, was so sicher ja nicht ist), zieht immer wieder Parallelen zwischen den augenfälligen Ähnlichkeiten der erzählerischen Topoi bei May und denen in Hitlers Reden und Auftreten (die Assoziation „Karl May“ lag schon den Zeitgenossen nah) und hält es für „nicht unwahrscheinlich“, dass sich Hitler sich auch gegen Ende „geschützt in Bett und Bunker, im Verborgenen seine Karl-May-Bände vornahm.“

Trotz dieser desolaten Ausgangslage und einigen vielleicht etwas arg ins Kraut schießenden Spekulationen, gelingt Graf ein erhellender „lektürebiografischer Kommentar“, in dem er Hitlers manische Lektüre „als Protoyp einer schwarzen Variante der intimen Medienrezption“ erkennbar wird, „die fantastischen Lustgewinn aus Erfüllung von Rache- und Venichtungswünschen saugt.“

Hitler las nicht aus ästhetischem Vergnügen – „über den ästhetischen Lesemodus und über den Lesemodus diskursiver Erkenntnis verfügte er nicht“ – sondern immer nur, um bereits gefällte ideologische Urteile bestätigt zu finden: „seine Rezeptionsweise ist derart kanalisiert, dass er in Texten nie etwas Anderes als seine Voreinstellung verstehen konnte.“ Es ist vielfach bezeugt, dass Hitler zu einem sachlichem Gespräch über die Kriegswirklichkeit nicht in der Lage war, auf Fakten und Argumente reflexhaft mit Gelesenem reagierte und sich die Realität nach dem Muster seiner Lektüre zurechtlog: „Wurde ihm ein Lagebericht vorgetragen, missverstand er ihn als Romananfang, und begann, die abgebrochene Geschichte nach seinem Geschmack weiter zu erzählen.“

Dass ihm hier ausgerechnet die Fantasiewelten Karl Mays mit ihren unüberwindbaren Helden, ihrer klaren Trennung von Gut und Böse, und allmächtigen Ich-Erzählern zupass kam wie etwa Wagners Opern, ist so verständlich wie bedauerlich, allein: „Der moralisch ungehemmte A. H. hätte seinen Terror auch ohne May-Lektüre gewollt, während Karl Mays Intention auf die Verkündigung moralisch religiös begründeter Gewalthemmung zielt.“
Liegen die Spekulationen noch in der Natur der Sache, wird das Buch im Formalen eher ärgerlich. Da wird etwa ein Apostroph konsequent als einfaches, schließendes Anführungszeichen benutzt – etwa ‚Heim ins Reich´ statt ‚Heim ins Reich‘ –, zu Beginn finden sich immer wieder längere Zitate, die nur unzureichend als Zitate kenntlich gemacht sind, die Bezeichnung „Führer“ wird mal in Anführungszeichen gesetzt, mal nicht, und zu allem Überfluss wird der Namen „Adolf Hitler“ getreu der Maxime, dass man den Teufel nicht beim Namen nenne dürfe, mit „A.H.“ abkürzt. Es ist verständlich, wenn Graf in seinem Text den Namen „Hitler“ nicht so oft sehen möchte, aber das ist bei seinem Thema wohl kaum zu vermeiden.

So lesens- und bedenkswert die Erkenntnisse Grafs’ auch sind, so erhellend sein abschließender Kommentar: ein besserer Lektorat und mehr Sorgfalt bei der Fahnenkorrektur hätte dem Buch deutlich aufgeholfen.

Werner Graf: Adolf Hitler begegnet Karl May. Zur Lektürebiografie des „Führers“. Baltmannsweiler: Schneider, 2012. 134 Seiten. ISBN 978-3-8340-1031-5. 13 Euro.
Zuerst in: Karl May & Co.