Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Dienstag, 3. Februar 2004, 17.33 Uhr

Mit einer Kampagne, die als „drastisch-überzogen, aber humorvoll“ angekündigt wird und die es also an Peinlichkeit problemlos mit den Filmen dieses Sommers aufnehmen kann, bläst die Filmindustrie zum lärmenden Hallalli: „Raubkopierer sind Verbrecher“. Das ist zwar gleich doppelt deppert, schließlich ist eine Kopie kein Raub und auch nach dem neuen Urheberrecht ist eine illegale Kopie ein Vergehen, kein Verbrechen, aber auf solche Kleinigkeiten kann nicht achten, wer mit dem Holzhammer argumentiert. Da bleibt halt so manches auf der Strecke, die Alltagserfahrung etwa und die Grundrechenarten: Rund 30 Millionen illegale Filmkopien hätten, so steht es zu lesen, in den ersten acht Monaten des Jahres einen Schaden von etwa 800 Millionen Euro verursacht. Anders gesagt: Jede illegale Kopie prellt die Industrie um rund 27 Euro. Wie, bitte schön, kommt man auf derart aberwitzige Zahlen? Man wird in Filmkreisen doch wohl nicht glauben, jeder Besitzer einer illegalen Kopie ginge, gäbe es die Kopie nicht, andernfalls ins Kino, die Videothek oder den DVD-Shop und ließe dort fast 30 Euro pro Film? Nein, das glaubt man natürlich nicht. Doch Tauschbörsen und Privatbrennereien sind einfach viel zu gute Sündenböcke, als dass man die Chance, massive Stimmungsmache zur Sicherung der Pfründe zu betreiben, ungenutzt verstreichen ließe. Aber lassen wir uns von dem augenwischerischen Heckmeck nicht verwirren: die Krise der Unterhaltungsindustrie ist hausgemacht. Das Netz ist unschuldig.

Zuerst in: Internet Professionell, 2/2004