Verloren im Tarif-Dschungel

Freitag, 17. Juni 2005, 13.40 Uhr

Heute lag in meiner Tageszeitung wieder einmal ein mehrseitiger Prospekt eines großen Elektronik-Discounters bei. Beworben wurden auf acht zeitungsgroßen Seiten jede Menge Mobiltelefone: „Top-Models zum besten Preis! Die besten Handys des Sommers 2005!“Nun telefoniere ich mobil zwar immer noch mit einem alten, unscheinbaren Allerwelts-Handy jener Firma, die ihr Geschäft mit Mobiltelefonen kürzlich nach dem Motto „fort mit Schaden“ abgestoßen hat, bin damit aber eigentlich ganz zufrieden.

Doch ab und an möchte man sich ja auch mal etwas Neues gönnen, die Entwicklung bleibt nicht stehen und nach rund zwei Jahren ist ein Handy, das schon zum Zeitpunkt des Kaufs nicht gerade „state of the art“ war, doch ein wenig arg veraltet. Mehr Speicher wäre zum Beispiel wünschenswert, eine deutlich längere Akkulaufzeit, ein besserer Empfang und ein paar grundlegende PIM-Funktionen wie Terminkalender, Adressbuch oder eine Aufgabenverwaltung. Schließlich ist es schon ein wenig lästig, dass man Handy und Taschencomputer mit sich herumschleppt, wenn man deren Funktionalität auch in einem Gerät bündeln könnte.

Zwischen Klingelton und Logo

Also habe ich mir eine Extratasse Kaffee zum Frühstück gegönnt, den Prospekt vor mir ausgebreitet und mit der Lektüre begonnen. Meine anfängliche Neugier und mein Interesse erlahmte allerdings schneller als gedacht. Dass es die Superschnäppchen-Preise für nagelneue High-Tech-Handys nur in Verbindung mit einem neuen Mobiltelefonvertrag gab, war mir ja schon vorher klar. Dass diese Verträge allerlei kleingedruckte Bedingungen und lange Laufzeiten haben, auch. Aber dass es inzwischen derart chaotisch zugeht und der Markt derartig verlottert ist, hätte ich nicht gedacht.

Denn es gibt hier nicht nur eine überschaubare Zahl an Angeboten mit unterschiedlichen Leistungen, so dass man sich mit etwas Geduld, einem Taschenrechner und einem Blatt Papier das für einen selbst beste Angebot heraussuchen könnte. Nein, es gibt gleich zehn verschiedene Tarife mit verwirrenden Optionen, Bedingungen, Regelungen und Ausnahmen, die zu allem Überfluss auch noch so dämliche Namen wie „O2 Loop Classic Option“ oder „Debitel Free & Easy Weekend Plus“ tragen. Nach 30 Minuten gab ich frustriert auf, mit in dem Tarif-Dschungel zurecht finden zu wollen.

Doch das ist nicht alles, ich habe auch bei den Handys kein Modell gefunden, das meinen Vorstellungen eines schlichten, leistungsfähigen Geräts entsprochen hätte. Die beworbenen Telefone entpuppten sich allesamt als multimediale Spielecomputer, mit denen man zufällig auch telefonieren kann. Die wichtigste Zielgruppe der Handy-Hersteller sind offensichtlich spaßzentrierte Teenager, die man mit polyphonen Klingeltönen, peinlichen Animationen und überflüssigen Featuren wie MMS ködern will. Das Handy als Business-Tool, das mir vorschwebte, scheint es jedenfalls nicht mehr zu geben.

Telefone sind zum Telefonieren

Da kommt mir die jüngste Gartner-Studie gerade recht, zeigt sie mir doch, dass ich kein miesepetriger Außenseiter unter den Handy-Nutzern bin, sondern im Gegenteil eigentlich zur Mehrheit gehöre. Denn die Marktforscher haben ermittelt, dass es keinen aktuellen Bedarf nach all den quietschbunten Dümmlichkeiten gibt, mit denen die Handy-Hersteller nur so um sich werfen.

So wurden 2004 in Deutschland zwar 91 Millionen MMS-Nachrichten verschickt, was nach einer riesigen Zahl klingt. Doch das täuscht, schließlich gab es 2004 rund 72 Millionen Mobilfunknutzer in Deutschland, das heißt, im Schnitt hat jeder Mobilfunknutzer im ganzen letzten Jahr genau 1 MMS-Meldung verschickt. Massenmärkte sehen anders aus. Wie lächerlich klein diese Zahl ist, merkt man, wenn man sie mit der Anzahl der im gleichen Zeitraum verschickten SMS-Mitteilungen vergleicht. Das waren rund 21 Milliarden. Auf die jährliche MMS kommt also die tägliche SMS.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die neue Studie von Mobilmedia, die sich in der Feststellung zusammenfassen lässt, dass die Handybesitzer ihr Mobiltelefon fast ausschließlich zum Telefonieren benutzen. Wer hätte das gedacht.

Ich bin ja mal gespannt, wann die ersten Hersteller mit schlichten, effizienten und eleganten Mobiltelefonen aufzuwarten wissen und es Tarifeverträge gibt, die nicht nur aus Ausnahmen und Sonderregelungen bestehen.

Bis es soweit ist, werde ich wohl bei meinem bisherigen Handy bleiben.