Virtuelle Visionen, handfeste Wirklichkeit

Sonntag, 2. Januar 2000, 0.13 Uhr

Büroumzüge sind ein Graus: Man arbeitet tage-, ja wochenlang im Chaos zwischen Kisten und Kartons, halbaufgebautem Mobiliar, notdürftig montierten Telefonen, nicht verputzten Steckdosen, abenteuerlich gespannten Netzwerkverkabelungen und hetzt den Handwerkern hinterher, die immer mal wieder einen Termin platzen lassen, Teppichböden nicht verlegen oder Decken nicht weißeln. Und in all dem Chaos steht irgendwo ein Computer, von dem spinnenförmig allerlei Kabel – Vorsicht, nicht stolpern! – quer durch den Raum führen. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen: Wie war das doch gleich mit der virtuellen Wirklichkeit des Internets, in der wir uns, befreit von aller Erdenschwere, ort-, zeit- und körperlos bewegen, ja, uns gar, wie es so schön heißt, „neu erfinden“ können? Ja, Pfeifendeckel! Die beschworene virtuelle Welt ist nicht stabiler als ein Wackelkontakt, ohne handfeste Hardware geht im Internet gar nichts. Selbst für die esoterischste Vision brauchen Sie einen kiloschweren Monitor, um sie lesen zu können. Jede Wette: Je verklärter ein dahergelaufener Cybervisionär von virtuellen Wonnen schwärmt, desto weniger weiß er, wovon er redet. Gegen solche Flausen hilft nur eine kräftige Dosis Bodenhaftung: Umziehen. Alle 6 Monate einmal.

Zuerst in: Online Today, 1/2000