Voll normal

Dienstag, 1. September 1998, 15.13 Uhr

Noch immer gilt das Internet als exotische Extravaganz. Dabei ist es vor allem eins: ein ganz normales Medium.

Lauscht man der öffentlichen Diskussion ums Internet, dann gewinnt man rasch den Eindruck, das Netz sei (abgesehen davon, daß es für manche der Hort alles Bösen ist) vor allem ein jugendliches Fun, Fun, Fun-Medium, das vor cooler Hippness nur so strotzt.

Werbebeilagen preisen die angeblichen Wonnen der multimediale Erfahrungswelt »Internet«, in den Computerrubriken der Zeitungen und Magazine liest man allerlei über Live-Übertragungen, Web-TV oder Internet-Telephony und die selbstverliebten Trendmagazine kennen Onliner offensichtlich nur noch als ravende Chatter, die, wenn es sie nicht gerade zur Loveparade zieht, den lieben langen Tag in Internet-Cafés verbringen.

Dieser seltsam überdrehten Atmosphäre, in der es schon als bestaunenswerte Sensation gilt, wenn etwas »aus dem Internet«, gar »aus dem weltweiten Internet« kommt, scheint noch das kleinste Realitätspartikel derart nachhaltig ausgetrieben, daß Verständnisprobleme unvermeidbar sind: Von welchem Internet ist da eigentlich die Rede?

Sicherlich nicht von dem Netz, wie es eigentlich alle kennen, die regelmäßig online sind, einem Netz, das mit technischen Pannen aufwartet, große Erwartungen weckt und kleine Erfolge beschert, und das doch bei aller scheinbaren Banalität weit aufregender und spannender ist, als es diejenigen je verstehen werden, die bei dem nichts als strohdummen Geschwätz über Cyberspace, Datenautobahn und Generation @ in Verzückung geraten.

Natürlich gibt es die versprochene Spielwiese und natürlich stürtzt sich nicht nur der Netzneuling begeistert auf die Dinge im Internet, die möglichst großen Spaßgewinn bei möglichst großer Exotik versprechen. Doch der Reiz des Neuen verfliegt schnell und übrig bleibt die etwas schale Erkenntnis, daß mit der bunten multimedialen Welt – Realplayer hin, Shockwave her – auf Dauer nicht allzuviel anzufangen ist: Zu offensichtlich befindet sich die Technik noch in den Kinderschuhen, zu deutlich sind die Datenengpässe zu spüren, als daß die Versprechungen der Web-Propheten mehr sein könnten, als ein paar schillernde Seifenblasen.

So bleibt den Apologeten des knallbunten Entertainments nichts anderes übrig, als die erwartungsfrohe Kundschaft auf ein utopische Morgen zu vertrösten, an dem es keine Bandbreitenprobleme mehr geben wird, keine Systemabstürze und keine Wartezeiten. Das Internet als dauernder Advent, dem niemals eine Weihnacht folgt: Kein Frage, das muß die Hölle der Unwissenheit sein.

Dabei ist das Paradies zum Greifen nah und es liegt nicht in einem nie erreichbarem Morgen, sondern existiert schon seit Jahren, hier, heute und jetzt. Wer seine Zeit und Energie nicht damit verschwendet, auf das utopische Übermedium der Visionäre und anderer positiver Kurz- und Kleindenker zu warten, und sich statt dessen mit unverkrampfter Neugier auf das Internet einläßt, so wie es ist: Der wird erkennen, daß E-Mail, Newsgroups, Chat, FTP und WWW logische Erweiterungen zu bestehenden Techniken wie Telefon oder Fax sind, die in ihrer Gesamtheit ganz ohne Schnickschnack und High-Tech-Hokuspokus ein ungemein nützliches, effizientes und hilfreiches Werkzeug zur Verfügung stellen.

Das Netz ist kein exotisches Etwas, sondern voll normal. Und weil das so ist, weil das Internet ein von jedermann nutzbares und für jedermann schlicht und ergreifend nützliches Instrument ist: Deshalb wird sich dieses weltweite, dezentrale Kommunikationsmedium auch durchsetzen. Seine Normalität ist sein Schlüssel zum Erfolg.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, September 1998


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