Vom Nutzen der Standards

Freitag, 29. April 2005, 0.02 Uhr

Seit einigen Tagen bin ich also nun stolzer Besitzer einer nagelneuen Ixus 700 (das heißt – so neu ist sie gar nicht mehr, sie ist mir bereits hingefallen und hat ein paar Macken davon getragen, aber das macht nichts). Ich trage die Kamera ständig mit mir herum und mache jede Menge Bilder, die ich daheim mit dem Notebook oder im Büro mit dem Desktop-PC bearbeite, speichere und mal ins Web hochlade, mal einfach wegwerfe.

Gestern wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass der Bilderzähler bereits deutlich im dreistelligen Bereich liegt und ich habe mich gefragt, woran das liegt. Warum habe ich mit meiner früheren digitalen Kamera eigentlich nie so oft fotografiert wie mit der neuen Kamera?

Sicher, die alte Kamera, die erste „Digital Ixus“ von Canon, war im Ganzen etwas schwerfälliger. Sie war langsamer, also konnte man nicht mal rasch ein Foto machen. Sie war etwas unhandlicher, also habe ich sie nicht so oft in der Tasche mit mir herumgetragen. Die Akkus haben nicht so lang gehalten, also lag sie häufiger neben dem Ladegerät. Sie war technisch schlechter, also hat es nicht so viel Spaß gemacht, mit ihr zu fotografieren.

All das sind gute und richtige Gründe, warum ich mit der neuen so sehr viel mehr fotografiere als mit der alten Kamera. Doch der eigentliche Grund, glaube ich, liegt woanders: Bei einem unscheinbaren, stinknormalen USB-2.0-Kabel.

Die alte Ixus wurde zwar am PC an einen USB-Port angeschlossen, besaß aber selbst nur eine proprietäre Schnittstelle. Wenn man Bilder von der Kamera an den Rechner schicken wollte, benötigte man zwingend ein Spezialkabel Die neue Ixus besitzt einen Standard-USB-2.0-Port (Mini-B) und kann mit jedem normalen USB-Kabel an jeden beliebigen USB-fähigen Computer angeschlossen werden.

Der Unterschied scheint vielleicht unscheinbar, ist aber enorm. Natürlich gehörte zu meiner alten Kamera ein Übertragungskabel, das ich im Büro am PC angeschlossen hatte. Hatte ich unterwegs ein paar Fotos gemacht, konnte ich sie problemlos auf den Büro-PC laden – aber auch nur auf den. Wollte ich dagegen die Bilder daheim aufs Notebook laden, scheiterte das am fehlenden Kabel.

Obwohl also die Kamera eigentlich USB unterstützte und obwohl USB weit verbreitet ist und obwohl eine digitale Kamera an die meisten Computer ohne Treiberinstallation angeschlossen werden kann, obwohl also alle Bedingungen für einen flexiblen und mobilen Einsatz gegeben waren, sorgte die proprietäre Schnittstelle dafür, dass die Kamera dennoch maximal unflexibel war.

Wie unflexibel sie dadurch wurde, zeigt mir die Erfahrung mit der Ixus 700, die ich praktisch jederzeit an jeden beliebigen Rechner anschließen kann. Das passende USB-Kabel hat fast jeder daheim, das gehört gewissermaßen zur Standardausrüstung eines Computers. Die gewonnene Mobilität des Gerätes spiegelt sich in seinem eifrigen Gebrauch. Denn nun sitze ich abends nicht zuhause und ärgere mich, dass ich das Kamerakabel im Büro liegen gelassen habe, sondern ich nehme einfach das USB-Kabel vom MP3-Player und kopiere die Bilddaten auf den Rechner.

Dieses kleine Beispiel hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist, auf die Einhaltung allgemein akzeptierter Standards zu achten – und wie kontraproduktiv der Versuch, durch proprietäre Standards Marktanteile sichern zu wollen. Denn was nützt einem der eigene Standard, wenn ihn niemand unterstützt?


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