W3History: 1989/1990

Donnerstag, 8. Dezember 2005, 13.54 Uhr

Nachfolgend ein kleiner Auszug aus dem derzeit ruhenden Projekt W3History, an dem Matthias Fichtner und ich 1999/2000 gearbeitet haben (und auch wieder arbeiten werden, wenn wir etwas mehr Zeit haben).

1989/1990 wird das Internet 20 Jahre alt und ist nach wie vor ein Netzwerk, das überwiegend von studentischen und wissenschaftlichen Anwendern genutzt wird. Aber die kommende explosionsartige Verbreitung und Popularisierung kündigt sich bereits an.

20 Länder schließen sich in dieser Zeit erstmals am NSF-Net-Backbone, der zentralen Datenleitung des Internets, an. Die Zeichen stehen auf Wachstum. Rund 20 Jahre dauerte es, bis die Anzahl der Hosts die 100.000er-Grenze erreicht hatte – in nur einem Jahr verdreifachte sich diese Zahl. Entsprechend steigt auch das Datenaufkommen. Liefen Mitte 1989 noch im Durchschnitt rund eine Milliarde Datenpakete über den NSF-Net-Backbone waren es ein Jahr später mehr als dreimal soviel.

Auch die übrige Entwicklung deutet darauf hin, dass das Internet vor dem Durchbruch stand. Ende 1989 gibt es mit The World den ersten kommerziellen Internet-Dial-up-Provider, im Oktober des nächsten Jahres startet Clari-Net und bietet erstmals kommerziell Informationen via Internet an. Geschlossene kommerzielle Online-Dienste wie Compuserve oder MCI öffnen sich in Richtung Internet und bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit, Mails mit Internetanwendern auszutauschen. Auch die Behörden beginnen das Netz als Informationssystem zu nutzen. Im Rahmen des »Hermes-Projekts« veröffentlicht der US Supreme Court seit 1990 Urteile und Entscheidungen auf öffentlich zugänglichen FTP-Servern. Selbst den ersten Vorboten des kommenden Trends, alle möglichen und unmöglichen elektronischen Geräte ans Internet anzuschließen, gibt es 1990: John Romkey schließt einen Toaster ans Internet an, der als erstes via Internet fernsteuerbares Gerät in die Geschichte des Netzes einging.

Den technischen Alltag im Netz bestimmen – neben E-Mail – vor allem Protokolle wie FTP und Telnet. Für beide Dienste entstehen in den Jahren 1989/1990 wichtige Hilfsmittel. Mit »Archie« entwickeln Peter Deutsch, Alan Emtage and Bill Heelan an der McGill-Universität in Montreal eine Suchmaschine für FTP-Server. Archie stößt auf reges Interesse, und nach nur sechs Monaten gibt es weltweit im Internet mehr als 60 Archie-Server. Für Informationen, die via Telnet abrufbar sind, entwickelt Peter Scott Ende 1990 das Programm »Hytelnet«, einen Hypertext-Browser, der den Zugriff auf Telnet-Server im Netz extrem vereinfacht.

Das World Wide Web existiert 1989 vorerst nur als Idee einiger Wissenschaftler am Schweizer Kernforschungszentrum CERN in Genf. Hier entwickeln Tim Berners-Lee und Robert Cailliau unabhängig voneinander Hypertext-Konzepte, um der Datenflut am CERN Herr zu werden. Tim Berners-Lees Information Management: A Proposal sollte sich später als die Geburtsurkunde des »World Wide Web« erweisen (dessen Name schon 1990 von Berners-Lee während einer Konferenz in der Cafeteria des CERN geprägt wird). Eine erste Demonstration des Systems gibt es Ende 1990, und einige wenige Glückliche konnten einen Blick in die Zukunft des Internet werfen.

Es ist nicht ohne Ironie, dass soviel Aufbruch von einem Ende begleitet wird: 1989 wird das ARPA-Net, mit dem alles begann, 20 Jahre alt – und abgeschaltet. Im Laufe der nächsten Monate wird Node um Node vom Netz genommen, Mitte 1990 ist das ARPA-Net endgültig Geschichte.