W3History: 1991/1992

Dienstag, 13. Dezember 2005, 16.54 Uhr

Nachfolgend ein kleiner Auszug aus dem derzeit ruhenden Projekt W3History, an dem Matthias Fichtner und ich 1999/2000 gearbeitet haben (und auch wieder arbeiten werden, wenn wir etwas mehr Zeit haben).

Die beiden wichtigsten Internet-Ereignisse der Jahre 1991/1992 sind politischer Natur.

Mit dem »High Performance Computing Act« (HPCA) von 1991 beschließt der US-Kongress den Aufbau des »National Research and Education Network« (NREN), das als Nachfolger des Forschungsnetzwerks NSF-Net bestimmt wird und erheblich leistungsfähiger als das bisher bestehende Netzwerk sein soll. Erklärtes Ziel des HPCA ist es, durch Forschung im Bereich der Hochgeschwindigkeitsnetzwerke die Führungsrolle der USA in der Computer- und Netzwerktechnologie zu festigen und weiter auszubauen. Durch diese Entscheidung wird die bislang eher beschaulich verlaufende Entwicklung des Internet zu einem zentralen Ziele der US-Regierungspolitik.

Die zweite wichtige Entscheidung fällt in den gleichen Zeitraum wie die Gründung von NREN. Die bisherigen Nutzungsvorschriften des NSF-Net-Backbones sahen den Transport kommerzieller Daten über das Internet nicht vor. Im März 1991 hebt die National Science Foundation diese Beschränkung teilweise auf und gibt so ein wichtiges Signal zur kommerziellen Nutzung der Internet-Strukturen. Wenige Monate nach der Aufhebung wird die »CIX-Association« (Commercial Internet Exchange) gegründet, die als Non-Profit-Organisation die kommerzielle Nutzung des Internet fördern soll.

Der wachsenden gesamtgesellschaftlichen Bedeutung des Internet, die sich in diesen beiden wichtigen politischen Entscheidungen spiegelt, entspricht das immer stärker werdende Wachstum. Die Zahl der Hosts wächst von 300 000 im Jahr 1990 auf mehr als 1 Million im Oktober 1992. Entsprechend steigt das Volumen des Datenverkehrs auf dem NSF-Net-Backbone, das sich von 1990 bis 1992 auf rund 15 Milliarden Datenpakete pro Monat verfünffacht. Ende 1992 sind die vier vernetzten Systeme aus dem Jahr 1969 zu einem weltweiten Netzwerk geworden, das mehr als 17.000 regionale Netzwerke in 33 Ländern umfasst. Tendenz: weiter stark steigend.

Auch das World Wide Web entwickelt sich zügig weiter. Das Projekt wird vor allem auf zahlreichen Konferenzen und Veranstaltungen präsentiert und erläutert. In diesen Jahren verlässt das Web die CERN-Rechner und tritt seinen Siegeszug im Internet an. Noch beschränkt sich die Web-Verbreitung allerdings auf die mit dem CERN verbundenen physikalischen Forschungslabors. So wird etwa im Mai 1991 am »Stanford Linear Accelerator Center« (SLAC) in Kalifornien der erste Web-Server in den USA installiert, und Ende 1992 gibt es bereits 26 verschiedene WWW-Server im Internet. Auch bei der Client-Software, den Browsern, tut sich einiges.

Der erste Browser ist naturgemäß das von Tim Berners-Lee entwickelte Programm auf dem Next. Dieser Browser (der zugleich auch ein Editor ist) heisst anfangs wie das Projekt »WorldWideWeb« (ohne trennende Leerzeichen), wird aber später in »Nexus« umbenannt. Als Next-Programm ist »Nexus« natürlich eine GUI-Anwendung, mit dem Line Mode Browser liegt aber auch ein zeichenbasierter Browser vor.

Im Laufe der beiden Jahre kommen unterschiedliche Browser für die verschiedenen Rechnersysteme dazu, so dass Ende 1992 rund zehn unterschiedliche Browser existieren. Noch fehlt der Shootingstar »Mosaic« – zwar hat sich Marc Andreessen Ende des Jahres auf der www-talk-Liste am CERN an der Diskussion beteiligt, aber von »Mosaic« ist da noch nicht die Rede.

So bewegt und aufregend die Pionierjahre des WWW auch sind – der Netzcommunity sind Konzept & Programm noch unbekannt. Die stürzt sich vorerst auf Gopher, das Mitte 1991 von Paul Lindner und Mark P. McCahill an der Universität von Minnesota entwickelt wird und von dort das Internet erobert.