Wahnsinn & Methode

Montag, 4. Januar 1999, 0.39 Uhr

Der Kampf um Marktanteile wird mit harten Bandagen ausgetragen und mancher Mitstreiter sucht sein Heil in hochriskanten Rettungsmanövern. Jüngstes Beispiel: Die Harakiri-Aktion der deutschen Softwareschmiede Star Division. Nachdem sich Fertigstellung von Star Office 5.0 branchenüblich immer wieder verzögerte, trumpfte man schließlich machtvoll auf: Das Programmpaket, bis dato rund 450 Mark teuer, werde für den Privatgebrauch ab sofort verschenkt. Hinter dem kaufmännischem Wahnsinn stecke, versichert die Firma, kühles Kalkül. Was auch sonst? Schließlich glaubt niemand ernsthaft, daß da eine Firma in Anwandlung weihnachtlicher Mildtätigkeit ihren gesamten Besitz verschenkt. Wie auch immer die Rechnung aussehen mag – ob sie aufgehen wird, steht in den Sternen. Kurz nach dem StarOffice-Coup scheiterte Netscapes Versuch, das Linux-Modell (freier Programmcode, kostenlose Software) kommerziell zu nutzen. Die selbständige Firma Netscape gibt es nicht mehr. Selbst wenn Star Division mehr Erfolg beschieden sein sollte – in Sicherheit ist man damit nicht. Was immer man von Microsoft halten mag, eines können sie perfekt: erfolgreiche Konzepte und Strategien in kürzester Zeit adaptieren. Wenn die Formel »Star Office umsonst« aufgeht – wie lange, glauben Sie, dauerte es, bis Microsoft seine Small Business Edition von Office verschenken wird?

Zuerst erschienen in: Online Today, Januar 1999


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