Waldröschen

Donnerstag, 24. Februar 2000, 0.13 Uhr

Während mein Gegenüber in der Trambahn Linie 19 seinen erfolglosen Kampf gegen die Tücke des Objekts führt und mit einer unförmigen Tageszeitung seinem Nachbarn alleweil im Gesicht herumfuchtelt, ziehe ich meinen Palm V aus der Jackentasche und zwei Handgriffe später bin ich bereits allen alltäglichen Fährnissen entrückt und versunken in die abenteuerliche Welt des in jeder nur denkbaren Beziehung ungeheuerlichen Kolportageromans Waldröschen von Karl May.

Cover Karl Mays WaldröschenWaldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde erschien jeweils Sonnabends auf den Web-Seiten der Karl-May-Stiftung. – Nach dem Muster des „Waldröschen“ erschienen inzwischen bzw. erscheinen derzeit auch die Kolportageromane Die Liebe des Ulanen, Deutsche Herzen, deutsche Helden, Der Weg zum Glück und eine Reihe anderer Texte.

Waldröschen war der wohl erfolgreichste Fortsetzungsroman des 19. Jahrhunderts, ein bombastischer Schund, Kolportage vom Feinsten. Dagegen wirken die Intrigen aus Dallas, Denver und Co. schal und einfältig, das Treiben der Akteure der Daily Soaps altbacken betulich. Dabei hat Mays Roman mit den Daily Soaps einiges gemeinsam, schließlich ist Waldröschen die Weekly Soap und der Straßenfeger unserer Großeltern: Fast zwei Jahre, vom Dezember 1882 bis zum August 1884, versorgte May Woche um Woche sein hungriges Publikum mit der neuesten 24seitigen Lieferung seines kruden Produkts.

Zusätzlich kam ab September 1883 die wöchentlichen Fortsetzungen des zweiten, monströsen Romans hinzu, Die Liebe des Ulanen. Doch damit nicht genug – May schrieb noch drei weitere Riesentexte: Der verlorene Sohn (1883/1885), Deutsche Herzen, Deutsche Helden (1885/1887) und schließlich Der Weg zum Glück (1886/1887). Insgesamt hat May in der Zeit schätzungsweise 26.000 Seiten geschrieben. 26.000 Seiten: Das sind rund 24 Manuskript oder 12 Druckseiten pro Tag, ohne Wochenende oder Urlaub, über fünf lange Jahre: Eine fürwahr ungeheuerliche, ja unheimliche Arbeitsleitung; ein irrwitziges Arbeitspensum, über dessen drängende Motive nur spekuliert werden kann.

Dass ich den Roman heute auf der Fahrt ins Büro lesen kann, verdanke ich Ralf Harder, der als Verantwortlicher für den Internet-Auftritt der Karl-May-Stiftung auf die famose Idee kam, die mehr als hundert Jahre alte Weekly Soap im Zeichen des Internet neu aufleben zu lassen:

Stets am Sonnabend wurde Waldröschen vom Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, ausgeliefert. Wir wollen an diese alte Tradition anknüpfen: Jeden Sonnabend erscheint auf unseren Internetseiten jeweils eine Nummer á 24 Seiten des legendären Romans – ungekürzt – in der damaligen Rechtschreibung und mit den original farbigen Bilderbeilagen der Erstausgabe.

Und so kopiere ich mir Woche um Woche die aktuelle Lieferung auf meinen Winzcomputer, trage die Abenteuer der Familien Sternau, Helmers und Rodriganda ständig bei mir und lese von heldenhaften Taten und ehrenhaften Handlungen, von ungeheuerlichen Schurkereien und weltumspannender Hinterlist.

Auf über 2.600 Seiten dehnt May die vielfach verworrenen, aber nicht immer verwobenen Fäden der labyrinthisch verschlungenen Handlung aus, in unzähligen Bandwurmfortsätzen windet sich das Geschehen dahin und treibt das Kuddelmuddel der handelnden Charaktere samt deren verwickelten Verwandschafts- und Beziehungskisten nach vorn in immer neue Variationen der immer gleichen Konflikte und Intrigen, damit am Ende das Versprechen des Romantitels eingelöst werde: Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde. Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft von Capitain Ramon Diaz de la Escosura.

Doch so ungeheuerlich Waldröschen auch ist, so abenteuerlich haarsträubend das Geschehen – die reale Textgeschichte stellt Mays blühende Phantasie mühelos in den Schatten. Bei der Nennung der fünf Romantitel mag der May-Leser vielleicht schon aufgemerkt haben: Die sucht man in den rund 80 Bänden der so genannten Gesammelten Werke aus dem »Karl-May- Verlag« nämlich vergebens. Und zwar aus einem einfach Grund: Die Gesammelten Werke Karl Mays stammen weniger vom Mayster selbst, als vielmehr von meist ungenannt bleibenden Bearbeitern, die die Mayschen Originale nach Gutdünken zurichteten und ad usum delphini bearbeiteten: Bei den meisten Titeln müßte ehrlicherweise ein »frei nach Motiven von Karl May« auf dem Umschlag stehen.

»Man hat das Erbe schlecht behütet!« stellte Arno Schmidt schon Ende der fünfziger Jahre fest und fand bei seinen Textvergleichen zwischen Mayschem O-Ton und den der »dicklichen, buntbedeckelten Bände« »plumpe und gefühllose Verballhornungen […], Versehen gedankenloser Handlanger, hochbedenkliche Umbiegung May’scher Gedankengänge“«zuhauf.

Wie forsch und unverfroren man sich da zuweilen am Werk dessen zu schaffen machte, den zu ehren man angeblich angetreten war, erhellt ein Bekenntnis des Verlagchefs E. A. Schmid, der bestens aufgelegt und mit unverkennbar kindlich-naivem Stolz von seiner editorischen Metzgerarbeit erzählt. Über den Roman Allah il Allah heißt es da etwa:

Im Fall der Erzählung Deutsche Herzen – Deutsche Helden erkannten wir, dass große Teile des früheren zweiten Kapitels […] mit der Haupthandlung wenig zu tun hatten. Wir schälten den betreffenden Text deshalb heraus und verwandelten den Haupthelden (Oskar Steinbach, das ist, äußerlich betrachtet, ein Kara Ben Nemsi in wenig veränderter Gestalt) in den »richtigen« Kara Ben Nemsi. Es lag nahe, nunmehr dieses Buch […] von der Er-Form in die Ich-Form überzuführen, um so mehr, als es zeitmäßig und bezüglich des Schauplatzes eine Lücke in Band 1 Durch die Wüste ausfüllt […]. Folglich mussten wir dem Helden auch den unvermeidlichen Hadschi Halef Omar hinzufügen, was nicht leicht war.

Allah il Allah war einer der Lieblingstexte meiner Kindheit und die Erkenntnis, dass ich mein kindlich Herz an einen Bastard gehängt hatte, eine bittere Lektion. Um so erfreulicher, dass die Karl-May-Stiftung und die Karl-May-Gesellschaft das Internet als Publikationsmedium nutzen und die Mayschen Original-Texte nach und nach digital zur Verfügung stellen, mehr als 40 Romane und 20 Erzählungen sind bereits abrufbar.

Doch genug geplaudert – ich muss zurück, das Abenteuer ruft. Wo war ich doch gleich, ah ja, hier: »›Alle Teufel, das beginnt wirklich interessant zu werden,‹ meinte Platen.«

Zuerst erschienen bei: Die Zeit im Internet, 8/2000


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