War was?

Dienstag, 2. Juli 2002, 1.12 Uhr

Geschichte ereignet sich bekanntlich zweimal: zuerst als Tragödie, in der Wiederholung als Farce. Die Medienbranche, deren Versuch, das Internet zu kapitalisieren, jämmerlich gescheitert ist, macht da keine Ausnahme. Die Tragödie des Dotcom-Sterbens liegt hinter uns, hier kommt die Farce: „Die Zeichen im Multimedia-Geschäft stehen auf Chance und Zukunft“ trumpfte Telekom-Chef Ron Sommer beim 10. Multimedia-Kongress in Stuttgart trotzig auf. Gut, das mit dem Internet ging irgendwie schief, aber wer ist schuld? Genau, das Internet. Das wollte einfach nicht zum Fernsehen werden, das blöde Ding. Statt darüber nach zu denken, warum die schönen bunten Businesspläne so schnell Makkulatur und die Aktien zu Altpapier wurden, tut Sommer einfach so, als sei nichts gewesen und spinnt die ausgefransten Fäden munter weiter: „Multimediale Angebote erfinden das Internet neu“ verkündet er und, potzblitz, das neu erfundene Internet sieht exakt so aus, wie die Branche das alte immer schon missverstanden hat: wie ein „Vertriebskanal für Medieninhalte wie Videos und Fernsehserien“. Und wenn man schon mal beim Wiederaufbau seines Luftschlosses ist, darf auch der Gassenhauer vom „Ende der Kostenlos-Kultur“ nicht fehlen (woher Sommer die Gewissheit nimmt, das jemand, der einen Fernseher besitzt, auch nur einen Cent für das neu erfundene Internet ausgeben wird, bleibt rätselhaft). Nun denn. Legen wir schon mal das Aspirin gegen den Onlinekater zurecht. Denn der kommt bestimmt. Nach dem nächsten Crash.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Juli 2002