Warum ich Facebook nur passiv nutze

Sonntag, 10. August 2014, 20.28 Uhr

Seit Januar 2007 bin ich bei Twitter, seit September 2007 bei Facebook. Mit Twitter habe ich mich anfangs schwer getan und drei Anläufe gebraucht, bis ich das System schätzen und für mich sinnvoll nutzen lernte. Bei Facebook war das anders, das hat mir von Anfang an gefallen. Das System zwang mich nicht zur 140-Zeichen-Kürze, man konnte Beiträge kommentieren und es entwickelte sich in kurzer Zeit ein Dialog mit Freunden und Bekannten. Trotzdem nutze ich seit einigen Jahren praktisch ausschließlich Twitter und poste so gut wie nichts mehr direkt bei Facebook. Fast meine sämtlichen Facebook-Beiträge sind Twitter-Postings, die automatisch an Facebook durchgereicht werden.

Es stört mich nicht, dass Facebook nach dem Modell „Dienste gegen Daten“ arbeitet. Das weiß man vorher und lässt sich darauf ein oder halt nicht. Es ist auch nicht das schwer durchschaubare Menügestrüpp, der Wirrwarr der Einstellungen oder die nur schwer erträgliche Kundenansprache. Selbst die „gesponserten Beiträge“ (aka: Werbung) gehen mir zwar auf die Nerven, aber nicht so sehr, dass ich Facebook den Rücken kehren würde.

Facebook funktioniert für mich einfach nicht als ein Medium, in dem ich wirklich aktiv sein könnte. Ich bin mit dem Usenet, Mailinglisten und später Webforen digital sozialisiert worden. Mit Systemen, die auf Information und Kommunikation ausgelegt sind. Und genau in diesem Punkt versagt Facebook für mich fast vollständig.

Denn das Herzstück von Facebook, die Timeline, ist nicht nur extrem hässlich, sie ist auch extrem unübersichtlich und de facto kommunikationsfeindlich. Sicher, man kann „Gefällt mir“ klicken und Beiträge kommentieren. Doch das muss man möglichst sofort tun, andernfalls sorgen die Facebook-Algorithmen dafür, dass die Beiträge, auf die man reagieren wollte, im digitalen Nirvana verschwinden.

Heute habe ich etwa rund 20 Minuten versucht, einen Beitrag wiederzufinden, den ich heute morgen gelesen hatte, und auf den ich heute abend antworten wollte. Ohne Erfolg, der Beitrag taucht in meiner Timeline anscheinend nicht mehr auf. Ich wusste zwar, von wem der Beitrag war, aber half mir auch nicht weiter. Denn das war ein „geteilter“ Beitrag – und die werden nicht in die Chronik des Teilers aufgenommen. (Das ist übrigens kein Einzelfall, sondern die unschöne Regel. Die Möglichkeit, dass ein Beitrag gelöscht wurde, kann man getrost ausschließen.)

Da der Nachrichtenstrom der Timeline von Facebook dynamisch nachgeladen wird – scrollt man ans Ende der Seite, wird der nächste Beitragsschwung geladen und ans Ende der Seite geklebt – ist es extrem lästig bis praktisch unmöglich, über die Suchfunktion des Browser einen Beitrag zu finden (wie gesagt, ich wusste, von wem der Beitrag geteilt wurde, nach diesem Namen hätte ich suchen können).

Hinzu kommt ein Algorithmus, der nach schwer durchschaubaren Kriterien entscheidet, in welcher Reihenfolge Beiträge der Timeline angezeigt werden. Standardmäßig sind das die „Hauptmeldungen“. Was das ist, scheint von Faktoren wie Aktualität, Beliebtheit bei Facebook-Freunden (FBFs) und Anzahl der Kommentare (von FBFs und anderen) abzuhängen. Das ist im Prinzip ja gar nicht mal blöd gedacht (man bekommt zum Beispiel mit, was die FBFs so umtreibt), führt aber dazu, dass immer wieder uralte Beiträge ganz nach oben rutschen, weil irgendeiner der FBFs auf „Gefällt mir“ geklickt hat. Gleichzeitig gehen aktuelle Beiträge, auf die keiner der FBFs reagiert hat, im Wust der alten Meldungen verloren, wenn sie nicht, was auch immer mal wieder vorkommt, erst gar nicht in die Timeline übernommen werden (dafür könnte ich mir schon ein paar Gründe vorstellen, aber das ändert nichts am unbefriedigenden Ergebnis).

Nun kann man zwar die Timeline von „Hauptmeldungen“ auf „Neuigkeiten“ umstellen, aber auch das schützt nicht vor heillosem Durcheinander. Auch hier wird berücksichtigt, ob einer der FBFs auf einen Beitrag reagiert hat – und prompt tauchen alte Beiträge plötzlich zwischen den Neuigkeiten auf. Aktuell sehe ich bei dieser Einstellung in meiner Timeline etwa Beiträge von „vor 39 Minuten“, „vor 45 Minuten“, vor „55 Minuten“, „vor 52 Minuten“, „Gestern um 13:29“, „1 Std.“, „3 Std.“, „2 Std.“, „23 Std.“, „2 Std.“ Und so weiter.

Es scheint auch keine Möglichkeit zu geben, die Timeline nach eigenem Gusto zu filtern (ich habe jedenfalls keine gefunden). Also schlagen alle Beiträge aus Gruppen, bei denen ich Mitglied bin, oder von Seiten, denen ich folge, immer in meiner Timeline auf. Das ist ja vielleicht nett gemeint, aber das möchte ich gar nicht. Wenn ich etwa wissen will, was gerade in der Gruppe Self Publishing diskutiert wird oder was der BVB schreibt, dann möchte ich gezielt und unproblematisch zur Gruppe bzw. Seite wechseln können (was bei Gruppen geht, bei Seiten nicht). Ich möchte nicht eine Gruppe verlassen oder das Abo einer Seite beenden müssen, um meine Timeline zu entlasten.

Ähnliches gilt übrigens auch für Personen, denen man folgt. Hier gab es früher mal die Möglichkeit, FBFs mit hoher Postingfrequenz stumm zu schalten, ohne ihnen die virtuelle Freundschaft aufkündigen zu müssen. So ließ sich der Kontakt halten, ohne dass man die Kontrolle über seine Kommunikation komplett abgeben musste. Das scheint nicht mehr zu gehen (aber da mag ich mich irren – ich hab jetzt keine Lust, mich durch die wirr verwirrenden Einstellungen zu klicken).

Lesezeichen gibt es auch keine. Möchte man einen Beitrag zumindest einigermaßen im Auge behalten, muss man ihn „liken“ oder kommentieren. Damit lässt sich ein Beitrag zwar auch nicht problemlos wiederfinden, aber zumindest taucht er dann im „Aktivitätenprotokoll“ auf und lässt sich dort mit etwas Geduld notfalls orten.

Kurz: Facebook ist für mich – andere mögen das anders sehen – als Kommunikationsmittel fast unbrauchbar. Ich nutze Facebook nur noch über die Twitter-Bande, für gelegentliche Kommentare und scrolle ansonsten durch eine Timeline, die nach Regeln zusammengewürfelt wird, auf die ich keinen Einfluss habe.

Update Ich wurde darauf hingewiesen, dass ich nach der Einleitung ja eigentlich einen Artikel zu „Warum ich Twitter aktiv nutze“ schuldig bin. Stimmt. Vielleicht schaffe ich es, diese Schuld zeitnah zu begleichen.

Update 2 Warum ich „Facebook-Freunde“ ursprünglich mit „FFBs“ statt „FBFs“ abgekürzt habe, ist mir selbst ein Rätsel. Aber so ein Blogposting lässt sich ja jederzeit ändern …


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4 Kommentare zu „Warum ich Facebook nur passiv nutze“

Nur allzu wahr.

Werner Motzet schrieb am 10. August 2014, um 21.20 Uhr

Das Fazit unter „Kurz“ trifft auf mich genauso zu! nur dass ich nie einen Accountt bei FB hatte/probierte.

Oh! Ich dachte, die Timeline bei FB wäre komplett zufällig. Ein gar gräßlicher Murks. Ich war in einer Gruppe für Studierende Mitglied und dort wurde alle drei Tage gefragt, wann im kommenden Semester Beginn der Vorlesungszeit wäre. Spricht dafür, dass auch Jüngere nicht mit FB umgehen können (ebenso wie sie weder die Uniseite noch eine Suchmaschine bedienen können). Twitter halte ich für ein grandioses Instrument, wenn es um aktuelle Nachrichten und Links zu Kommentaren/Artikeln geht. Das ersetzt meinen täglichen Streifzug durch die Websites der Zeitungen praktisch komplett. Die Gefahr dabei ist natürlich, sich nur einseitig mit bestimmten Themen/Meinungen zu befeuern. Aber das macht man durch die Auswahl „seiner“ Zeitung/ Zeitschrift offline ja ähnlich.

Gruppen sind noch mal ein eigenes Thema, die sind nämlich auch kompletter Murks und bleiben weit hinter dem zurück, was man aus Foren kennt. Generell glaube ich, dass es Facebook gar nicht darum geht, dass die Teilnehmer tatsächlich kommunizieren.