Web & Watzlawick

Freitag, 1. Januar 1999, 12.49 Uhr

Das Jahr neigt sich dem Ende zu – Zeit für einen kleinen Rück- und Ausblick: Wie entwickelt sich das Web in Deutschland?

Da sage noch einer, Philosophen lebten im luftigen Nirgendwo und beschäftigten sich mit Dingen, die normale Menschen allenfalls als müßiges Feierabendvergnügen interessierten: »Man kann nicht nicht kommunizieren« lautet eine bekannte Feststellung des Philosophen Paul Watzlawick und die professionellen Webseitenbauer täten gut daran, diese gar nicht so unebene Erkenntnis bei ihrer Arbeit zu berücksichtigen.

Ganz gleich, was sich die Schöpfer bei ihren Webseiten gedacht haben – eine Webseite ist auf jeden Fall Teil einer Kommunikation zwischen ihnen und ihren Besuchern. Sie erzählt als Gemachtes immer auch etwas über ihre Macher: Was erzählt das deutsche Web?

Das ist gar nicht so einfach in Erfahrung zu bringen, drängeln sich doch die Schreihälse lautstark plärrend in den Vordergrund, protzen mit ihren abenteuerlichen (aber natürlich gänzlich irrelevanten) Zugriffszahlen und preisen dem Webreisenden ihren Plunder an, als begänne erst mit ihren brandneuen Scheußlichkeiten das eigentliche Internet.

Da mag man in misanthropischen Momenten durchaus geneigt sein, die eigene Wertschätzung des Internets für einen Irrtum und das Web für einen groben Unfug zu halten – doch typisch für die private und kommerzielle Nutzung des Internets sind die Webrabauken hierzulande allerdings nicht mehr.

Denn wenn das deutsche Web in diesem Jahr etwas erzählt hat, dann vor allem die Geschichte eines allmählich sich vollziehenden Wandels. Die Zeiten, in denen Webseiten auf Teufel komm’ raus mit dem allerneusten Schnickschnack aus der Plug-In-Trickkiste aufgemöbelt wurden und in ihrer bunte Billigkeit nichts als sich selbst und den Umstand zelebrierten, daß ihr Schöpfer das Internet entdeckt und die Größe seiner Entdeckung ihn augenscheinlich auf der Stelle um den Verstand gebracht hat – diese Zeiten scheinen sich dem Ende zu nähern.

Immer häufiger lohnt der Versuch, den Namen einer Firma, eine Behörde oder eines Ortes in den Browser zu tippen, um an die Informationen zu gelangen, die man sucht. Natürlich gibt es auch immer wieder frustrierende Momente – etwa, wenn die Seitenbauer glauben, die Nennung einer Postanschrift und Telefonnummer sei auf einer Webseite obsolet oder wenn eine Bank zwar ihre bundesweiten Filialen, nicht aber deren Öffnungszeiten auflistet – doch immer häufiger kann das Web als normales und nützliches Rechercheinstrument eingesetzt werden.

Dabei ist das Netz immer wieder für eine schöne Überraschung gut. Was, so könnte man etwa denken, was ist unvereinbarer als das neumodische Internet und der Handel mit alten Büchern? Weit gefehlt: Das vorzüglich Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher ist ein schönes Beispiel für eine ebenso sinnvolle wie effiziente Nutzung des neuen Mediums. Hier haben sich derzeit 99 deutsche Antiquariate zusammengetan und ihre Bestände über eine gemeinsame Datenbank zugänglich gemacht – zum Nutzen und Frommen aller Beteiligten: Die Antiquariate erreichen schnell und zuverlässig ihre Kunden, die Bücherfreund könne bequem nach verschollenen Lieblingen fahnden und auf Wunsch bei jedem beteiligten Antiquariat auch direkt nachfragen. Hier wird das Internet als das genutzt, was es ist: Als Kommunikationsmedium, das als eine Art moderne Agora einen ort- und zeitunabhängigen, öffentlich zugänglichen Treffpunkt etabliert.

Beispiele wie das ZVAB mögen in ihrer Normalität immer noch ein wenig exotisch wirken – aber der Trend ist unübersehbar: Das Web ist auch in Deutschland auf dem Weg, ein alltägliches Medium zu werden. Und das ist alles in allem keine schlechte Perspektive für 1999.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Januar 1999