Weniger ist mehr

Dienstag, 31. Mai 2005, 12.51 Uhr

Diesen Text schreibe ich in der Textverarbeitung von OpenOffice. Das Programm kann im Leistungsumfang locker mit Word mithalten. Ich kann Texte beliebig formatieren, verschiedene Schriften und Schrift-Effekte benutzen, ich kann Text ein- oder ausrücken, zentrieren, links- oder rechtsbündig setzen, ich kann Bilder und Grafiken einfügen und mit Spalten arbeiten, ich kann malen und zeichnen, Aufzählungen einfügen und noch 100 andere Dinge tun.

All das kann ich bzw. könnte ich – denn was mache ich tatsächlich? Ich schreibe diesen Text mit dem Font Palatino Linotype mit einer Schriftgröße von 14 Punkt und 2,5 cm Seitenabstand. Mehr nicht. Alle anderen Funktionen des Programms liegen schlicht brach.

Moderne Textverarbeitungen sind Allzweck-Werkzeuge, die alle nur denkbaren Einsatzmöglichkeiten eines Programms zur Texterfassung berücksichtigen. Das ist zwar einerseits natürlich lobenswert, schließlich ist ja erst einmal nichts dagegen zu sagen, dass eine Textverarbeitung beispielsweise in der Lage ist, Texte im Zeitungslayout zu gestalten oder Einladungen zur Party mit buntem Text und lustigen Bildchen zu schmücken.

Doch problematisch, ja bedenklich wird die Situation dadurch, dass die Programmierer, im Bestreben, möglichst jedem potentiellen Kunden etwas zu bieten, ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen verloren haben – nämlich ein Programm zu entwickeln, das vor allem auf die Bedürfnisse von Leuten zugeschnitten ist, die Texte schreiben: Moderne Textverarbeitungen können alles mögliche werden, aber sie laufen Gefahr, genau deshalb keine Textverarbeitung mehr zu sein.

Wer professionell Texte schreibt, der braucht normalerweise keine Layoutfunktionen, der will auch keine Bilder einfügen, mit unterschiedlichen Schriften spielen, wilde Formatierungen oder bunt gefärbte Texte auf seinem Bildschirm sehen. Sondern der benötigt eine auf seine Zwecke zugeschnittene Arbeitsumgebung. Der Bildschirm muss wortwörtlich zum Schreibtisch werden und nicht nur Abladestelle aller möglichen Icons und Symbole sein.

Praktisch jeder längere Text – und „länger“ heißt hier bereits: mehr als 2 Seiten – entsteht in verschiedenen Bearbeitungsstufen und mit einer Unmenge von Notizen. Genau diese Aufgabe sollte mit einer Textverarbeitung gelöst werden und genau darauf sind die, fast müsste man sagen: „so genannten“, Textverarbeitungen überhaupt nicht (mehr) ausgelegt.

Um ein konkretes Beispiel zu geben: Während ich diesen Text schreibe, bleiben rund zwei Drittel des Bildschirms ungenutzt (Auflösung: 1280 x 1024 Pixel). Dabei könnte man da zum Beispiel frei platzierbare Fenster unterbringen, um etwa verschiedene Notizen, Ideen, Formulierungen oder unterschiedliche Fassungen eines Textes im direkten Zugriff zu haben.

So bin ich gezwungen, die Notizen entweder in eigenen Dokumenten abzulegen, die ich allesamt geöffnet halten und zwischen denen ich hin- und herspringen muss. Oder ich kopiere sie alle in das aktuelle Dokument. Dann entsteht das Problem, dass ein Monitor nur eine begrenzte Fläche hat. Die Notizen sind dann oft außerhalb des sichtbaren Bereichs – und da heißt es dann oft: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn ich mich an die Notizen erinnere, muss ich erst mühsam durch das Dokument scrollen, um sie zu finden, verliere dabei den laufenden Text aus den Augen und damit unter Umständen auch den Anschluss oder vergesse die Idee, die ich hatte, als ich nach der Notiz suchte.

All das ließe sich problemlos verhindern, wenn die Notizen als Stichpunktliste zum Beispiel in der großen leeren Fläche rechts neben meinem Dokument stünden.

Statt dessen ist mein Text umgeben von – Moment, ich muss mal kurz zählen – mehr als 50 (!) Symbolen, Schaltflächen und Drop-Down-Menüs. Von denen ich nur zwei wirklich benötige: Die „Speichern“-Schaltfläche und die von mir selbst hinzugefügte „Info“-Schaltfläche, über die ich untere anderem ermitteln kann, wie viele Zeichen mein Text derzeit umfasst (eine für mich zentrale Angabe). Natürlich könnte ich meine Textverarbeitung jetzt so konfigurieren, dass sie zumindest teilweise meinen Anforderungen entspricht – aber ehrlich gesagt, habe ich wenig Lust, meine Zeit damit zu verbringen, an Notlösungen herumzudoktern, die unterm Strich das grundlegende Problem nicht lösen, sondern nur verdecken.

Mitunter beschleicht mich der Verdacht, dass moderne Office-Programme nicht wirklich für den professionellen Einsatz programmiert werden, sondern damit die Marketingabteilung bei der Präsentation des neuen Produkts möglichst gut da steht – ob und wie man damit arbeiten kann, ist dann nur von sekundärem Interesse.

Für die nächste Generation der Textverarbeitung wünsche ich mir also nicht noch mehr Features und Funktionen, sondern weniger. Oder genauer: ich wünsche mir die Möglichkeit, all das, was ich nicht brauche, mit wenigen Mausklicks aus- zu können und die Dinge, die ich brauche mit ebenso wenigen Mausklicks einblenden zu können.


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