Wenn einer eine Reise tut …

Freitag, 9. Dezember 2005, 20.24 Uhr

Kürzlich bot sich mir Gelegenheit, die vielberufene digitale Mobilität einem Praxistest zu unterziehen: Fünf Stunden Bahnfahrt nach Essen, drei Tage im Hotel, fünf Stunden Bahnfahrt zurück nach München. Das ideale Einsatzfeld für mein neues Powerbook. Dachte ich. Aber man muss schon sehr verzweifelt sein, um im ruckelnden ICE auf klapprigsten Klapptischchen arbeiten zu wollen. So schlimm ist es um mich nun doch noch nicht bestellt, also widmete ich mich lieber meiner Zuglektüre. Das klappte allerdings auch nicht so recht, die Handywut meiner Mitreisenden machte mich zum unfreiwilligen Ohrenzeugen unterschiedlichster Gespräche. Ob privates Liebesgeflüster oder die Verhandlung eines Managers mit seinem Betriebsrat über den Auflösungsvertrag eines Mitarbeiters – es gibt nichts, was man während einer Zugfahrt nicht ausführlichst zu hören bekäme. Seither weiß ich, dass »Datenschutz« obsolet ist, im Zweifelsfalle plaudern alle einfach alles aus. Im Hotel konnte ich über einen T-Online-Hotspot online gehen – wenn ich am rechten Eck meines Bettes saß und das Powerbook vorsichtig auf den Knien balancierte, um allen leidigen Funklöchern zu entgehen. Das funktionierte, doch noch nie war meine tägliche E-Mail so teuer – 2 Euro für 15 Minuten zockt die Telekom dafür ab. Andererseits: solange ein schlabbriger Kaffee im ICE mit 2,60 zu Buche schlägt, solange darf man sich als Reisender wohl nicht über die Preisgestaltung der Telekom wundern.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 12 / 2005