Wer die Wahl hat …

Montag, 25. Juli 2005, 12.10 Uhr

Die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Alternativen wählen zu können, gehört zu unserem Alltag und es gibt praktisch keinen Zeitpunkt, zu dem wir uns nicht für eine von mehreren Handlungsmöglichkeiten entscheiden können – und müssen. Hier deutet sich bereits die Qual an, von der das Sprichwort redet: Wir können uns nicht nur entscheiden, sondern wir müssen es. Selbst wer sich völlig verweigert und stur im Bett liegen bleib, trifft eine Entscheidung.

Mehr ist weniger

Normalerweise ist es wünschenswert, zwischen verschiedenen Alternativen wählen zu können. Aber heißt das auch, dass es um so besser ist, je mehr Auswahl man hat?

Diese Frage stellte der amerikanische Psychologe Barry Schwartz den Teilnehmern der kürzlich zuende gegangenen Konferenz TED („Technology, Entertainment, Design“), auf der sich die Vordenker und Pioniere des digitalen Lifestyle zum Gedankenaustausch trafen.

Schwarz stellte den Zuhörern unter dem Titel „The Tyranny of Choice: Why More Is Less“ das von ihm so genannte „Paradox of Choice“ vor: Es ist gut, wenn man die Wahl hat, aber zuviel Wahl ist zuviel des Guten.

Schwarz demonstrierte das Problem, dass eine eigentlich wünschenswerte Situation in ihr Gegenteil umschlagen kann, am Beispiel des normalen Warenangebot seines Supermarktes. Der bietet ihm 175 verschiedene Salatdressings, 40 Sorten Zahnpaste, 75 Eistees, 230 Suppen und 285 Kekssorten. Da scheint es bereits absurd, von „Auswahl“ zu reden, hier kann der Kunde nicht mehr zwischen verschiedenen Varianten wählen, sondern wird von der Produktauswahl überfordert. Also greift er sich irgendetwas heraus und geht mit dem schlechten Gewissen zur Kasse, vielleicht die falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Nun könnte man noch einwenden, dass sich Schwartz mal nicht so haben solle, das sind ja nun wirklich keine weltbewegenden Entscheidungen. Und ob er nun zur einen oder anderen Kekssorte greift, spielt ja wohl keine große Rolle.

Das mag richtig sein, ändert aber nichts daran, dass das schlechte Gewissen bleibt. Bei der Frage, welche Kekse man zum Kaffee isst, lässt es sich vermutlich noch ignorieren, aber das Phänomen der Überforderung durch zuviel Auswahl ist in unserer Gesellschaft, so Schwarz, bereits in vielen Bereichen deutlich zu erkennen und die Konsequenzen seien sehr viel schwerwiegender als eine Kaffeekränzchenentscheidung.

Denn das schlechte Gewissen bleibt ja nicht folgenlos, sondern es lähmt unsere Handlungen. Wenn man sich nicht mehr entscheiden kann, dann trifft man lieber gar keine Entscheidung. Die Konsequenz: Immer mehr Menschen bleiben in unzulänglichen Lebenssituationen stecken, weil sie sich immer weniger in der Lage sehen, Entscheidungen treffen zu können. In verschiedenen Fällen habe die Angst vor einer Fehlentscheidung oder die Vorstellung, man habe eine falsche Entscheidung getroffen, bereits zu Selbstmorden geführt.

An den amerikanischen Hochschulen ist es bereits ein bekanntes Phänomen, dass Studenten sich außer Stande sehen, sich in ihrem Studium für bestimmte Wege zu entscheiden, ihre Ausbildung abbrechen und bei McDonalds arbeiten. Viele Hochschulen bieten hier Weiterbildungs- und Nachhilfekurse an, doch unter den Lehrern kursiert schon der zynische Witz, man bilde diejenigen, die bei McDonalds feststecken aus, damit sie anschließend bei Starbucks festhängen.

Die Qual der Wahl

Das Szenario des vor lauter Wahlmöglichkeiten handlungsunfähig gelähmten Individuums, das Schwartz beschreibt, ist nicht nur auf Amerika beschränkt, auch hierzulande wird man immer wieder vor die spezifische Qual der Wahl gestellt, die durch ein Zuviel an Möglichkeiten entsteht.

Kürzlich erhielt ich zum Beispiel von einem Marktforschungsunternehmen einen Fragebogen mit so genannten „Multiple Choice“-Fragen und der Bitte, ihn auszufüllen. Ich hatte das auch vor, aber als ich sah, dass der Fragebogen nicht nur sehr lang, sondern es zu jeder Frage gleich fünf bis zehn verschiedene Antwortmöglichkeiten gab, habe ich es bleiben lassen.

Ein Aspekt, der mich am stärksten bei Programmen wie Outlook abschreckt ist die Fülle an Möglichkeiten. Wenn ich hier rasch eine Adresse eintragen möchte, bietet mir das Kontaktformular über hundert verschiedene Felder. Natürlich muss ich die nicht alle ausfüllen, aber es bleibt immer ein Rest von schlechtem Gewissen, dass ich es hätte tun müssen, um Outlook optimal zu nutzen.

Auch das Interface-Design vieler Programme überrumpelt den Anwender mit viel zu vielen Möglichkeiten und werden so praktisch unbedienbar. Man erkennt schlechtes Interface-Design fast immer zuverlässig an überquellenden Menüs und dem leichtfertigen Gebrach von „Sonstiges“. Das Mailprogramm The Bat etwa, das zwar technisch sehr gut ist und ein großes Leistungsspektrum bietet, kombiniert ein Zuviel an Auswahl auf einmal mit einer chaotischen Menüstruktur und wird so nicht nur für den Einsteiger zu einer echten Herausforderung.

Die Windows-Entwickler haben das Problemerkannt und zum Beispiel die „Systemsteuerung“ in Windows XP deutlich vereinfacht. Statt den Benutzer alles Optionen und Hilfsprogramme auf einmal „zur Auswahl“ hinzuwerfen, wird nun ein einfach strukturiertes Menü eingeblendet, das dem Anwender Eingriffsmöglichkeiten bietet, ohne ihn durch die schiere Masse zu überfordern.

Macintosh-Anwender kennen dieses Vorgehen übrigens schon länger. Ein typisches Mac-Programm zeichnet sich dadurch aus, dass es sehr spartanisch und einfach daherkommt und erst im Laufe der Zeit seine Fähigkeiten zeigt. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen, der Editor Text-Wrangler zum Beispiel haut dem Anwender in den „Einstellungen“ ein nicht enden wollendes „Auswahl“-Menü um die Ohren.

Doch das mag als kleine Beispielsammlung genügen – ich bin sicher, Sie können sie aus Ihrer täglichen Arbeitspraxis mühelos ergänzen und möchte Sie nicht mit weiteren Aufzählungen langweilen. Auch hier gilt schließlich, dass Mehr manchmal Weniger ist.

Geschrieben für Business-PC Daily