Wer schnipst, kommt nicht dran

Montag, 4. Juni 2001, 15.00 Uhr

Armer Hubert Burda: Er war ganz vorn dabei und einer ersten deutschen Verleger im Netz. Und was hat er davon? Whow. So ein Pech.

Gut fünf Jahre ist es her, da hatte Hubert Burda eine verwegene Verleger-Vision: print ist tot, die Zukunft ist online. EuropeFocus-, Uni-, Health– und etliche andere Angebote auf –Online sollten mit viel Verve und Geld beweisen, was die Verlegeruhr geschlagen hat: neue Magazine und Formate werde es nur noch online geben, mindestens drei Jahre habe jedes Projekt, um break even zu erreichen. Nur wenige Monate später war von den neuen Projekten außer Focus Online kaum noch etwas zu sehen und von den ambitionierten Plänen blieb nur eine Anekdote im Kollegenkreis. Als Europe Online mit der ursprünglich geplanten proprietären Plattform scheiterte und ins Internet wandern sollte, schrieben sich Programmierer und Webdesigner die Finger wund, um das grafiklastige EO-Konzept webtauglich umzusetzen. Doch als man das schlanke und flotte Ergebnis stolz dem Verleger präsentieren wollte, wurde man bereits im Vorfeld abgefangen. Damit brauche man erst gar nicht zu kommen, denn: „das macht nicht wow!“ Vielleicht spukte Philipp Welte diese Geschichte im Kopf herum, als man für Burdas neuestes Internet-Baby einen Namen suchte – jetzt macht der immerhin Whow. Doch wie es so geht: je lauter man etwas beschreit, desto weniger stellt es sich ein. Der gesamte neue Netzauftritt für die jugendliche und konsumfreudige Zielgruppe ist von einer derart billigen Penetranz, dass einem unweigerlich der alte Lehrerspruch einfällt: Wer schnipst, kommt nicht dran. So, ganz genau so hat man sich in gediegenen Vorstandsetagen wohl immer schon „Multimedia“ vorgestellt. Als ein verflashtes Etwas, das seine erschreckende Einfallslosigkeit hinter bunten Bildern, nervigen Sounds und dürftigem Geflimmer verbirgt. Schweigen wir von den technischen und inhaltlichen Peinlichkeiten, vom verstaubten Business-Modell, das nebulös von Werbung, E-Commerce und Syndication träumt. Wohw strahlt den ästhetischen Charme einer miefigen Provinzkneipe aus, die zum Szene-Treff werden will. Falls man es bei Burda noch nicht wissen sollte: Die Kids, die sind doch nicht blöd. Anders gesagt: Whow – macht nicht wow.

Zuerst erschienen in: Kress-Report, 23/2001

Nachtrag, 7. Juli 2004. Das ursprünglich unter der der Adresse http://www.whow.de/ erreichbare redaktionelle Angebot des Burda-Verlages scheint nicht mehr zu existieren, man landet nun auf einer Dating-Site, die lt. Impressum ebenfalls zu Burda gehört.

Nachtrag, 8. Dezember 2006. Auch die Dating-Site hat inzwischen ihren Dienst eingestellt.


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[…] Macht das jetzt bald Wow! oder was? [Update: Das Foto der gelangweilten Zuschauer wurde inzwischen leider leider aktualisiert. Schade.] […]