Werbung und Wahrheit

Freitag, 12. November 1999, 21.37 Uhr

Selten wurde eine Lexikon-CD-ROM so lautstark und selbstbewußt beworben wie die digitale Fassung von Kindlers Neuem Literatur Lexikon. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich der angebliche Meilenstein als biedere Wegmarkierung.

Die Zahlen sprechen für sich und setzen Kritiker von vornherein ins Unrecht: 18.000 Artikel zu einzelnen Werken, Bibliographien zu rund 9000 Autoren, 120 Essays zur Literaturgeschichte: »Kindlers Neues Literatur Lexikon« (»KLL«) nimmt eine Sonderstellung unter den Lexika ein und ist der ambitionierteste Versuch, die Welt der Literatur in einer Gesamtschau beschreibend zu erfassen. Trotz Mängel im Detail ist das »KLL« ein unverzichtbares Nachschlagewerk, bei dem bislang einzig der Preis die Freude über ein derart umfassendes Lexikon dämpfte: Die günstige Studienausgabe ist seit langem vergriffen und die gebundene Ausgabe sprengt mit ihren 3.500 bis 5.000 Mark auch einen großzügig bemessenen Bücheretat.

Da kommt die CD-ROM-Fassung des »KLL«, die der Münchner Systhema- Verlag pünktlich zur Buchmesse vorgelegt hat, gerade recht. Die bietet nicht nur für ein Zehntel des Preises den kompletten Text der 21 voluminösen Bände, sondern erschließt die gewaltige Textmenge durch diverse Abfragemöglichkeiten. Neben der bei digitalen Editionen obligatorischen Volltextsuche, fischt die Kombination verschiedener Suchkriterien Antworten auf Fragen aus dem Datenozean, vor denen die gedruckte Fassung kapitulieren muß. So ist es nur eine Sache von wenigen Mausklicks, um sich etwa eine Tabelle der wichtigsten zwischen 1700 und 1900 erschienenen englischsprachigen Satiren in Prosaform anzeigen zu lassen.

Mit diesem knappen Hinweis könnte man es gutmütig bewenden lassen, würde die lautstarke Werbung des Verlages nicht ein kritische Korrektur der irreführenden Selbstanpreisung erfordern. Denn bei allem Wohlwollen für das lobenswerte Projekt – die Mängel der Ausgabe sind nicht zu übersehen.

So beschränkt sich die Volltextsuche auf simple UND-Verknüpfungen eindeutiger Begriffe: Wer nicht den exakten Suchbegriff eingibt, wird so schnell nicht fündig. Die »speziell entwickelten, multifunktionalen Recherche- und Arbeitswerkzeuge« entpuppen sich als eine Handvoll einfach kombinierbarer Suchkriterien, deren Möglichkeiten deutlich hinter dem Standard vergleichbarer Editionen zurückbleiben. Sie erlauben nur rudimentäre Recherchen im Datenbestand und sind leider nicht so flexibel und leistungsfähig, wie es der Verlag behauptet und der Anwender gerne hätte. Die gleichzeitige Suche nach vergleichbaren Werken unterschiedlicher Autoren ist da genauso wenig möglich, wie die parallele Anzeige mehrerer Lexikoneinträge. Und von einer »grundsätzlichen und intensiven Auseinandersetzung mit der Ausgangssubstanz« darf wohl schon etwas mehr verlangt werden, als ein Gattungskriterium, das »Dramatik« nur in »Theater« und »Sonstige Dramatik« einzuteilen weiß.

Auch die Aufbereitung der Einträge läßt zu wünschen übrig. Das Fehlen virtueller Textmarker zur farblichen Markierung beliebiger Passagen erschwert die Arbeit mit dem Lexikon, hier bleibt nur der Umweg über das unzureichende Notizbuch. Nur über einen Umweg sind auch die lexikontypischen Querverweise zu verfolgen. Wenn es etwa heißt, Arno Schmidts »Zettel’s Traum« stütze sich auf »James Joyces Sprachbehandlung in ›Finnegans Wake‹«, so ist nicht der Titel, sondern der Autorenname verlinkt. Ein Klick auf »Joyce« führt zur Bibliographie (die so unlesbar gedrängt präsentiert wird, wie es im Druck erforderlich, in der digitalen Fassung aber eine Zumutung ist), von dort gelangt man zur Werkliste, in der sich »Finnegans Wake« findet, von wo aus schließlich zum gesuchten Eintrag gewechselt werden kann. Eine Rückkehr zum Ausgangspunkt ist nur über die »Verlauf«-Funktion möglich.

Der Verlag bewirbt das KLL auf CD als »Meilenstein moderner Literatur-Recherche«, das den »Standard elektronischer Lexika« neu definiere. Das ist, um es so deutlich wie nötig und so höflich wie möglich zu sagen, eine maßlose Übertreibung. Ihre Materialfülle macht die CD zur begrüßenswerten Bereicherung digitaler Lexika und jeder Leser wird ihre Möglichkeiten dankbar zu nutzen wissen. Daß die digitale Erschließung deutlich hinter den durch Werbeversprechungen genährten Erwartungen zurückbleibt, muß nolens volens mit in Kauf genommen werden – auch wenn der Preis von 438,- sFr so übertrieben wirkt, wie die Werbung.

Zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung, 12. November 1999


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[…] 2 Die Ausgabe ist pünktlich zur Buchmesse 1999 erschienen, eine Rezension, die ich für die Neue Zürcher Zeitung geschrieben habe, findet sich hier. […]