Wie Bücher gefunden werden

Sonntag, 12. März 2006, 16.58 Uhr

»Ein Buch«, schreibt Goethe am 6. Mai 1797 an Schiller, »wird doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird.« Das mag immerhin sein, doch bleibt die Frage, wie ein Buch gefunden wird.

Anders gefragt: Wie stoßen wir eigentlich auf die Bücher, die wir lesen? Wer bestimmt, dass wir nun just dieses und nicht ein anderes Buch zur Hand nehmen? Man mag sich einbilden, dass man selbst es ist, der da in autonomer Allmacht die Lektüre bestimmt, aber natürlich waltet unterm Strich nichts als blanker Zufall, und selbst gesetzt den Fall, man verfolgt einen ausgetüftelten Lektüreplan, bleibt doch die Frage, woher die Kriterien stammen, denen dieser Plan folgt.

Letztlich sind es eher zufällige Anlässe, die, das sei immerhin zugegeben, weitreichende Konsequenzen haben und in der Folge die Illusion selbstbestimmter Lektüre erzeugen können.

Mein Lektüreleben wurde von verschiedenen Zufällen geprägt, zu Arno Schmidt etwa kam ich über die Empfehlung des Vaters eines Schulfreundes und von Arno Schmidt aus zu sehr vielen anderen Dingen.

Entscheidend war auch das Merkheft von 2001. Es war jedes Mal ein Freudentag, wenn der Postbote das Programm des Versandverlages vorbei brachte. 2001 verdanke ich nicht nur die Lektüre angelsächsischer Schauerliteratur wie Melmoth, der Wanderer; Wieland oder Die Verwandlung, Der Mönch und der anderen Romane, die im Reprint der Bibliotheca Dracula erschienen, sondern auch die folgenreiche Begegnung mit Eckhard Henscheid und Karl Kraus (mit den typischen 2001-Autoren wie Charles Bukowski konnte und kann ich dagegen nicht sonderlich viel anfangen).

Von besonderer, ja sogar von entscheidender Bedeutung war der Taschenbuch-Katalog des Diogenes-Verlags (also im Grunde der literarische Geschmack des damaligen Cheflektors Gerd Haffmans). An diesen Katalog kam ich natürlich auch durch Zufall.

Im nahe gelegenen Karastadt-Kleinstadt-Kaufhaus fand ich auf einem Ramschtisch vier wunderschön handliche, gebundene Bücher von Jules Verne (Die Gestrandeten (2 Bände), Der ewige Adam und Die Erfindung des Verderbens – noch heute haften an diesen Bänden die glücklichsten Leseerinnerungen). In einem der Bücher steckte eine »Fordern Sie unser Gesamtverzeichnis«-Karte, die ich natürlich abschickte.

Einige Zeit später kam ein umfangreicher DIN-A4-Brief aus der Schweiz, der das Verzeichnis und einige Buchhändler-Materialien enthielt, nämlich: Plakate zu den gerade aktuellen Schopenhauer- und Balzac-Ausgaben. Die Plakate hingen bald an meiner Wand und lange Zeit träumte ich davon, einmal die Holzkassette mit der kompletten Menschlichen Komödie zu besitzen. Auf lange Sicht war das Schopenhauer-Plakat allerdings wirkungsvoller. Von Balzac habe ich bis heute nur wenig gelesen, Schopenhauer gehört seit meinen ersten tastenden Versuchen in der Lektüre philosophischer Texte zu meinen Hausgöttern.

Dafür erwies sich das Gesamtverzeichnis als um so wirkmächtiger. Es brachte mich auf den Gedanken, meine sprunghaft und willkürliche Lektüre, deren defiziente Ziellosigkeit mich im zunehmenden Maße unbefriedigt zurück ließ, systematisch zur Ordnung zu rufen. Also begann ich, meine Lektüre alphabetisch am Taschenbuchverzeichnis des Diogenes-Verlages auszurichten. So kam ich zu Alfred Andersch, Eric Ambler, Gottfried Benn, Raymond Chandler, Dashiell Hammet, William Somerset Maugham, Saki, Alan Sillitoe, Hans Wollschläger und vielen anderen.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, was hätte passieren können, wenn mir statt des Diogenes-Kataloges ein Verzeichnis von Heyne oder gar Bastei-Lübbe in die Finger gefallen wäre.


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