Wir Ruinenbaumeister

Freitag, 6. Mai 2005, 16.20 Uhr

Früher konnte man im Internet keine fünf Mausklicks weit reisen, ohne über ein „Under construction“-Schild auf einer Webseite zu stolpern, mit dem die gewissenhaften Webseitenbauer sich für den unfertigen Zustand ihrer Schöpfungen entschuldigten. Diese Schilder waren so populär, dass es riesige Bildersammlungen zu diesem Thema gab, was zu einer etwas seltsamen Situation führte: Da gab es fertige Webseiten, die nichts anderes enthielten als Schilder für unfertige Webseiten.

Wie auch immer – diese Schilder fallen mir in letzter Zeit immer seltener auf. Was zum Teil daran liegen mag, dass viele Bauarbeiten in der Zwischenzeit abgeschlossen wurden, zum Teil auch, dass sich mein Surfverhalten geändert hat und ich jetzt andere Webseiten besuche als früher.

Entscheidender ist aber, glaube ich, eine Änderung der Einstellung zum Medium „Internet“.

Früher wurden Webseiten häufig mit Druckseiten in Zeitungen und Büchern verglichen. Doch so nahe liegend dieser Vergleich auch ist, so irreführend und falsch ist er. Eine gedruckte Information liegt in Inhalt und Form unveränderlich fest – wenn schon nicht für die Ewigkeit, so doch für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte. Mit diesem Bewusstsein schreiben die Autoren, korrigieren die Korrektoren und drucken die Drucker. Jeder gedruckten Seite ist eine gewisse Zeitlosigkeit eigen. Entsprechend viel Sorgfalt wird – normalerweise – auf ihre Erstellung gewendet. Da wird am Text gefeilt und gearbeitet, alles wird mehrfach korrigiert, in den Satz gegeben, erneut korrigiert, angedruckt, noch einmal korrigiert und schließlich für den Druck frei gegeben.

Zum Vorstellungskreis gedruckter Informationen gehört auch die Vorstellung, etwas sei „fertig“ oder „abgeschlossen“. Das wäre völlig unproblematisch, korrespondierte dieser Vorstellung nicht auch die Idee, alles Unfertige, Nicht-abgeschlossene, Fragmentarische sei per se nicht so wichtig, ja, am Ende gar wertlos.

Genau mit diesem Vorurteil musste das Internet gerade bei Verlagen und Autoren kämpfen. Das meist unbewusste Wertepaar aus „gedruckt = fertig = wertvoll“ und „digital = unfertig = wertlos“ bestimmten vielfach die Einschätzungen der Möglichkeiten des Internets. Schließlich sind Webseiten das Unfertige schlechthin. Jede Information auf jeder Webseite kann jederzeit geändert werden, jede Struktur von heute auf morgen umgeworfen oder völlig neu konzipiert werden. Um die Metapher der laufenden Bauarbeiten der „Under construction“-Schilder aufzugreifen: Wer ein Buch schreibt oder eine Zeitung druckt, der baut ein Haus – wer eine Webseite gestaltet, baut immer nur eine Ruine.

Doch was in der traditionellen – oder soll man sagen: scheuklappenblind festgefahrenen? – Sichtweise als minderwertig gilt, hat sich als der große Pluspunkt erwiesen.

Gerade weil Webseiten so fragmentarisch, unfertig, nicht-abgeschlossen und ständig im Fluss sind wie unser Leben, gerade deshalb erweisen sie sich als die perfekte Publikationsform, wenn es nicht nur darum geht, Informationen zu publizieren, die nicht monolithisch abgeschlossen in die Welt gewuchtet werden, sondern die sich als Teil eines großen, prinzipiell unabgeschlossenen und offenen Diskurses verstehen.

Dass mit diesem Grundverständnis der ständigen Veränderbarkeit durchaus nicht nur ephemer Flüchtiges, sondern auch etwas sehr dauerhaft Wertvolles entstehen kann, zeigen die verschiedenen Gemeinschaftsprojekte im Internet, von Klassikern wie dem Gutenberg-Projekt über die Internet Movie Database bis zum jüngsten Beispiel der Wikipedia, bei der die Veränderbarkeit von Information wie sonst kaum zum stilbildenden Prinzip erhoben wurde.


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[…] zäh vor sich hin. Die Interessen verschieben sich, und das Projekt bleibt eine Ruine. Aber gut, Ruinenbaumeister ist man Netz ja immer, und mitunter kommt das Interesse später wieder […]