Wurmkur fürs Internet

Samstag, 4. Oktober 2003, 14.11 Uhr

Wieder einmal hat ein Wurm das Internet fest im Griff und die Zeitungen haben ihre Schlagzeilen. Doch heuer ist es anders als sonst, denn diesmal lassen sich die Spuren, die der Wurm in der Presse hinterlässt, bequem verfolgen – Google News sei Dank. „Neuer Computer-Wurm macht das Netz unsicher“ meldet da etwa das Handelsblatt, „Lovsan rast durchs Netz“ assistiert der MDR; dpa verbreitet die Meldung, der Wurm „schade vor allem Privatanwender“, die Kleine Zeitung sieht den „Virus auf Zerstörungstrip“, er „infiziert 130 000 US-Computernetze“ (News), lasse nicht nur „Hundertausende Rechner abstürzen“ (Berliner Morgenpost), sondern, „legte alle PCs lahm“ (Backnanger Kreiszeitung). Kurz: „Lovsan droht Internet zu stören“ (AFP). Vom Verkehrsamt in Maryland bis zum Stuttgarter Rathaus, vom Radio Köln bis zur Hauptstadt Berlin, von Cuxhaven bis Emden zog der Wurm eine Spur der Zerstörung durchs Netz. Nur die vom ZDF zitierten Experten, die den Wurm als Ursache für den Stromausfall in den USA ausmachten, sind dann wohl doch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Zwei Dinge fallen bei der kursorischen Presseschau vor allem auf. Zum einen die Phantasie der Redakteure, die in der im Virencode versteckten Liebeserklärung zielsicher den „Hacker im Liebeswahn“ (FAZ) bzw. den „Liebeskranken“ (TAZ) erkennt; zum anderen, wie beharrlich die eigentliche Botschaft des Wurms, die ebenfalls im Code steht, ignoriert wird: „Billy Gates why do you make this possible?“ Ja – warum eigentlich?

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 10/2003