Zwei neue Karl-May-Hörspiele aus den Rundfunkarchiven

Sonntag, 28. Dezember 2014, 12.11 Uhr

Das Unternehmen Pidax Film hat unter Serien- und Hörspiel-Liebhabern einen guten Namen. Dort bringt man nicht nur alte TV-Serien neu heraus, sondern auch immer wieder verschollen geglaubte Hörspielproduktionen der Rundfunkanstalten, an die viele Liebhaber nur noch allmählich verblassende Jugenderinnerungen haben. Für den Karl-May-Freunde sind hier in der letzten Zeit zwei Schätze aus den Rundfunkarchiven geborgen worden. Zum einen das Hörspiel „Der blaurote Methusalem“ in der Bearbeitung von Kurt Vethke, das der SWF (heute: SWR) 1965 in vier Teilen mit je knapp 30 Minuten austrahlte. Zum anderen das gut neunstündige Mammutprojekt „Schloss Wildauen“ (Textgrundlagen: „Auf See gefangen“; Bearbeitung: Christian Wallner), das ebenfalls vom SWF produziert und 1985/86 in 139 Kurzfolgen mit je rund 4 Minuten ausgestrahlt wurde.

Leider beschränkt Pidax die Informationen – wie von seinen anderen Neuauflagen gewohnt – auf einen knappen Beipackzettel, der zwar die die Namen der Beteiligten und die wichtigsten Eckdaten nennt, aber keine weiteren Details verrät. Dabei wäre es gerade bei „Schloss Wildauen“ interessant zu erfahren gewesen, wie dieses Projekt entstanden und realisiert wurde – auf die Idee, einen eher abgelegenen Riesenroman von May als vermutlich täglich ausgestrahlte Radio-Soap zu realisieren, muss man ja ersteinmal kommen. Es ist wohl auch den Produktionsbedingungen geschuldet, dass bei Wanda, Latour und Treskow mitten im Verlauf die Sprecher wechseln (was allerdings erst dann wirklich auffällt, wenn man gezielt darauf achtet).

20 Jahre liegen zwischen dem „Methusalem“-Hörspiel und „Schloss Wildauen“ – und in diesen 20 Jahren hat nicht nur Technik deutliche Fortschritte gemacht, sondern sich auch die Art und Weise der Hörspielproduktion deutlich verändert.

„Der blaurote Methusalem“ ist ein klassisches Hörspiel der 50er-/60er-Jahre: einfache, aber ansprechende Tonkulisse, gute Sprecher, dramatisiertes Buch. Der Erzähler liefert im ersten Teil eine kurze Einleitung, in den übrigen Teilen bietet er zu Beginn eine Zusammefassung des bisherigen Geschehens. Ansonsten werden die jeweiligen Szenen und Aktionen durch rein akkustische Mittel erzeugt, ohne dass sich noch einmal ein Erzähler mit seinen Schilderungen einmischen würde. Die Handlung des Romans wird deutlich gestrafft, um den doch recht umfangreichen Text in knapp zwei Stunden unterzubringen. Das führt zwar dazu, dass das ohnehin relativ zügige Tempo des Romans noch einmal etwas angezogen wird, aber das fällt beim entspannten Zuhören nicht wirklich störend auf. Das Hörspiel präsentiert sich gewissermaßen „aus einem Guss“; es wird wohl jedem etwas älteren May- und Hörspielfreund Freude bereiten und ein wenig nostalgische Erinnerungen an die jugendliche May-Lektüre auslösen. Ob sich junge May-Interessierte mit der ein wenig aus der Mode gekommenen Erzählform dieser Art von Hörspiel anfreunden können, lässt sich schwer entscheiden und käme auf einen Versuch an – der jedem Interessierten nur zu empfehlen ist.

„Schloss Wildauen“ ist dagegen völlig anders konzipiert. Schon die Form der unzähligen Kurzteile, die (vermutlich) über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgestrahlt wurden, ist ungewöhnlich; zudem handelt es sich streng genommen eigentlich gar nicht um ein Hörspiel, sondern um ein Hörbuch mit verteilten Sprechern und dramatsierten Szenen. Es wird mehr oder weniger der komplette Text des Romans vorgetragen, wobei die Dialoge von (vorzüglichen) Sprechern übernommen werden. Tontechnisch schöpft man aus dem Vollen. Es gibt praktisch keine Stelle, die nicht von einem Geräuschteppich unterlegt wird, es gibt fast immer eine mehr oder weniger passende Hintergrundmusik oder passende Töne wie das Ticken einer Uhr, knackendes Unterholz und prasselndes Kaminfeuer; fast jede Beschreibung – “Clairont, im Chevalliers-Gewande, ließ ihre hübsche Faust eisern auf den Suiten-Tisch poltern, dass die Kante splitterte“ – wird von einem passenden Geräusch begleitet.

Mays Originaltext wurde nur sehr behutsam bearbeitet, jede noch so verquollene Formulierung bleibt erhalten, jede schwülstige Beschreibung wird sorgsam vorgetragen, noch die albernsten Kitschpassagen werden ungekürzt übernommen. Das führt unweigerlich zu unfreiwilliger Komik, und den Sprechern macht es hörbar Freude, diesen „Criminalroman“ vom Ende des 19. Jahrhunderts mit sanft ironischer Distanz lebendig werden zu lassen, ohne ihn zu veralbern oder sich über ihn lustig zu machen.

Fragt sich nur, wie man sich diesem Ungetüm nähern soll. Während man die vier Teile des „Methusalem“-Hörspiels problemlos nacheinander hören kann, geht das bei „Schloss Wildauen“ nicht so ohne weiteres. Nicht nur wegen der Länge, sondern auch wegen des Tonfalls, in dem hochdramatische Handlung, absurde Figuren, routinierte Schnellschreiberrhethorik und stilistisches Unvermögen eine mitunter eher peinliche Mischung bilden. Bei der Lektüre lassen sich solche Passagen großzügig überfliegen – beim Hörspiel geht das nicht, hier muss man stoisch zuhören (beim schnellen Vorlauf besteht immer die Gefahr, für die Handlung dann doch wieder wichtige Details versehentlich zu überspringen).

Um sich den Spaß, den „Schloss Wildauen“ bereiten kann, nicht zu verderben, empfiehlt sich eine eher homöpathische Dosierung. Es ist hier so wie mit einer Packung Süßigkeiten – ist man alles auf eine Sitz, wird einem schlecht, in überschaubaren Portionen sind sie ein Genuss.

  • Der blaurothe Methusalem. Produktion: SWF (heute: SWR) 1965. Pidax Film Media. Ca. 114 Minuten. MP3-CD, ca. 13,00 Euro; Download, ca. 9 Euro.
  • Schloss Wildauen Vol 1. Produktion: SWF (heute: SWR) 1985-1986. Pidax Film Media. Ca. 289 Minuten. MP3-CD, ca. 13,00 Euro; Download, ca. 11 Euro.
  • Schloss Wildauen Vol 2. Produktion: SWF (heute: SWR) 1985-1986. Pidax Film Media. Ca. 263 Minunten. MP3-CD, ca. 13,00 Euro; Download, ca. 11 Euro.
Geschrieben für „Karl May & Co“, Heft 138, November 2014